Positionspapier des KV, Dez. 2015 (DA)

von Dirk Alt

Am 10. Dezember 2015 hat der Kinematheksverbund ein gemeinsames Positionspapier zur „Digitalisierung des Filmerbes“ veröffentlicht – siehe hier – und darin Konkretisierungen vorgenommen, die auf dem im Sommer dieses Jahres bekanntgewordenen PWC-/FFA-Gutachten fußen. Gegenüber besagtem Gutachten enthält das Positionspapier über die Konkretisierung des Vorgehens hinaus zwei wesentliche Botschaften:

  1. die Akzentverschiebung der Digitalisierungsinitiative von der Sicherung des Filmerbes zum Zugang durch die Öffentlichkeit,
  2. die unmissverständliche Distanzierung zur im PWC-/FFA-Gutachten immanenten Vernichtungsoption hinsichtlich des analogen Ausgangsmaterials.

Das Papier bekräftigt die im PWC-/FFA-Gutachten als gleichwertig veranschlagten drei Archivierungskriterien (Kostenabschätzung zur digitalen Sicherung des Filmischen Erbes, S. 19), die hier als „Drei Säulen Modell“ bezeichnet werden: Dieses Modell sieht eine Priorisierung der Digitalisierung nach „wirtschaftlichen, konservatorischen und kuratorischen“ Gesichtspunkten vor. Im Gegensatz zum PWC-/FFA-Gutachten, das die Digitalisierungspläne als „Sicherung“ etikettiert hatte, wird im Positionspapier als ausdrückliches Ziel „die Zugänglichkeit und die Sichtbarmachung des Filmerbes“ genannt (S. 2) und darauf hingewiesen, dass die „Digitalisierung und Speicherung der Daten ohne Zugangsmöglichkeit durch die Öffentlichkeit […] der Aufgabenstellung zuwider“ liefen.

Allerdings werden die Grenzen zwischen Zugang und Sicherung unter dem konservatorischen Aspekt des Digitalisierungsvorhabens verwischt (S. 4 Mitte) und der Eindruck erweckt, die Erhaltung „akut gefährdeter“ Materialien könne durch Digitalisierung allein geleistet werden – was nicht der Fall ist. An dieser Stelle werden nähere Ausführungen zu der vom KV projektierten Archivierungsstrategie vermisst, sofern beabsichtigt ist, in Zukunft von der bislang gültigen physischen Kopierung / Archivierung abzuweichen.

Das PWC-/FFA-Gutachten hatte im vergangenen Sommer berechtigte Kritik vor allem dadurch ausgelöst, dass es eine in Zukunft nur noch „sehr selektive“ Aufbewahrung des analogen Ausgangsmaterials empfahl und zugleich anregte, die Digitalisierung durch den Fortfall der Lagerkosten für das Ausgangsmaterial gegenzufinanzieren. Gegen dieses Ansinnen hatten unter anderem bereits der künstlerische Direktor der SDK, Rainer Rother, und die Leiterin des DIF, Claudia Dillmann, die Stimme erhoben. Es ist sehr zu begrüßen, dass auch das Positionspapier des KV den Vernichtungserwägungen in aller Deutlichkeit eine Absage erteilt und das „Axiom des vorrangigen Originalerhalts“ (S. 3) unterstreicht: „Soweit es technisch möglich und zulässig ist, sind Originale […] dauerhaft zu erhalten.“ – Auch als Reaktion auf die berechtigte Unruhe, die das PWC-/FFA-Gutachten auslöste, ist dieses Bekenntnis zum Originalerhalt von großer Signalwirkung. Es steht allerdings in einem deutlichen Widerspruch zur fortgesetzten Vernichtung von Nitrozellulose-Filmen und Dubletten durch das Bundesarchiv, die weder durch technische noch durch rechtliche Notwendigkeiten zu rechtfertigen ist (siehe hier).

Trotz dieser Diskrepanz ist das Positionspapier als ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem PWC-/FFA-Gutachten zu bewerten: Insbesondere weckt es Erwartungen etwa hinsichtlich der Zugangsmodi, die für die Digitalisate geschaffen werden müssten, um dem Zweck der Sichtbarmachung zu erfüllen, und der Projekttransparenz, die über www.filmportal.de gewährleistet werden soll.

Für eine interessierte Öffentlichkeit sind die Perspektiven demnach niemals so günstig gewesen wie jetzt, einen Überblick über die Gesamtheit dessen zu bekommen, was unter dem Begriff „Filmerbe“ subsumiert wird. An der Gefährdung dieses Filmerbes in seiner materiellen Substanz ändert sich durch die jüngsten Beschlüsse des KV jedoch nichts – zumindest nicht so lange, wie nicht eine tragfähige Archivierungsstrategie der Öffentlichkeit bekannt gemacht wird.