Zur Kassationspraxis (DA)

Von Dirk Alt

Der wesentliche Teil der filmischen Überlieferung lagert im Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin. Um die großen Bestände sogenannten Nitrofilms einlagern zu können, die durch die Wiedervereinigung in den Besitz des Bundes gelangten, hat das Bundesarchiv ein Außenlager in Berlin-Hoppegarten errichten lassen, dessen Nitrofilm-Bunker Besuchern und Journalisten gerne gezeigt werden. Diese Bunker sind nötig, da die Nitrozellulose, aus der die Filmunterlage besteht, leicht entzündlich ist und unter das Sprengstoffgesetz der BRD fällt. Der Großteil der 35-mm-Kinofilme aus der Zeit vor 1945 liegt auf Nitrofilmrollen vor, wenngleich ab den 30er Jahren auch zunehmend sogenannter Sicherheitsfilm (auf Azetat-Unterlage) verwendet wurde. Nitrozellulose unterliegt einem unberechenbaren, unaufhaltsamen Zerfallsprozess, der die Brandgefährlichkeit erhöht.

Seit 1988, als defektes technisches Gerät im damaligen Lagerort Koblenz-Ehrenbreitstein eine Explosion auslöste und verbrannte Filmbüchsen in den Rhein hinabschleuderte, ist das Bundesarchiv ein „gebranntes Kind“: Mit ganz wenigen Ausnahmen werden daher Nitrofilme nach der erfolgten Umkopierung (früher auf Azetat-, heute auf Polyesterfilm) systematisch kassiert – was im Archiv-Jargon bedeutet: vernichtet. Diese in der Dienstanweisung 6.4[1]  formulierte Praxis entspricht dem internationalen Konsens von vor 30-40 Jahren: So betrieben US-amerikanische Filmarchive unter dem Banner „Nitrofilm wartet nicht“ zum Teil bis in die 80er Jahre eine copy-and-destroy-Praxis. Dann kam das Umdenken: Man erkannte nicht nur den archivalischen Wert des Originals, das durch eine Kopie nicht ersetzt werden kann, sondern stellte mit Verblüffung fest, dass einwandfrei hergestellte und gelagerte Nitrofilme sich als beständiger erwiesen als die von ihnen gezogenen Sicherheitsfilm-Kopien. Heute schätzen Experten, dass Nitrofilm bei guter Lagerung zwischen 300 und 500 Jahre alt werden kann, und auch die oft behauptete Selbstentzündlichkeit der Nitrozellulose ist wissenschaftlich widerlegt.

Diese Kehrtwende, der sich die meisten international bedeutenden Filmarchive angeschlossen haben, hat das Bundesarchiv nicht mitvollzogen. Von den 140.000 Rollen Nitrofilmen, die nach der Wiedervereinigung im Bundesarchiv lagerten, existieren heute nur noch knapp 70.000. In den zurückliegenden 25 Jahren ist demnach über die Hälfte des Bestandes vernichtet worden – und das, obwohl die Tücken dieser Praxis längst offen zu Tage liegen. Nicht nur, dass die älteren Umkopierungen keinesfalls die Qualität erreichen, die die heutige Technik erlaubt, auch treten zwangsläufig Pannen auf (unvollständige Umkopierung, falsches Bildformat, schwarz-weiß statt Farbe, Farbverfälschungen etc.), die nicht mehr korrigiert werden können, weil die Ausgangsmaterialien in der Zwischenzeit entsorgt wurden. Wie Anna Bohn in ihrem Grundlagenwerk Denkmal Film (2013) dargelegt hat, verletzt die Kassationspolitik das Prinzip der Reversibilität, das für die Filmsicherung genauso gelten muss wie für die konservatorische Denkmalpflege.

Da der Bund für sich die Rechte an einem Großteil der zeitgeschichtlichen Filmdokumente reklamiert und diese Filmdokumente im Gegensatz zu Spielfilm-Klassikern keine Lobby haben, fallen Wochenschauen und Dokumentarfilme der Kassationspraxis besonders häufig zum Opfer.

Gegenüber Kritikern der Filmvernichtung beruft sich das Bundesarchiv auf sprengstoffrechtliche Vorschriften, die die Entsorgung des Nitrofilms verlangten. Auch sei dem Außenlager Hoppegarten nur eine befristete Lagergenehmigung erteilt worden, und zwar unter der Bedingung, dass die Bestände sukzessive „abgebaut“ würden. Neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen erscheint aber noch ein anderer Antrieb für den verordneten „Abbau der Bestände“ denkbar, nämlich der Finanzdruck, der durch das Amt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) an das materiell und personell längst ausgedünnte Bundesarchiv weitergegeben wird. Die Dauerlagerung der Bestände, und zwar nicht nur von Nitrofilm, ist ein Kostenfaktor. Diese Kosten ließen sich durch die Filmvernichtung langfristig senken – und so ist vielleicht auch erklärbar, dass neben Nitrofilmen im großen Stil auch Materialien auf Sicherheitsfilm vernichtet werden, vor allem als überflüssig erachtete Doubletten.

Die Langfassung des Artikels erschien in DER FREITAG vom 30. Juli 2015 unter dem Titel „Kassieren und blamieren“.[2]

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