Zeitenwende im Bundesfilmarchiv: Interview mit Dr. Michael Hollmann

Seitdem Kulturstaatsministerin Monika Grütters sich für die Rettung des nationalen Filmerbes starkgemacht hat, wird kontrovers darüber diskutiert, mit welchen Mitteln und Strategien dieses Erbe für die Zukunft erhalten werden kann. Von den an dieser Aufgabe beteiligten Institutionen kommt dem Bundesarchiv eine entscheidende Bedeutung zu – denn dessen Abteilung Film verwahrt die zentrale Filmüberlieferung der Bundesrepublik, der DDR und des Deutschen Reiches, mithin Bewegtbilder unserer Geschichte seit 1895. Doch das Bundesfilmarchiv steht immer wieder auch in der Kritik: insbesondere wegen der Vernichtung (Kassation) brandgefährlicher Nitrozellulose-Filme aus den ersten fünf bis sechs Jahrzehnten deutscher Filmgeschichte – darunter etwa Kameranegative von Klassikern wie „Der Mustergatte“ (1937, mit Heinz Rühmann) oder Veit Harlans Farbfilm „Die goldene Stadt“ (1942). Nach der selektiven Umkopierung auf modernen Polyesterfilm sind – zur Bestürzung von Filmwissenschaftlern im In- und Ausland – während der letzten 25 Jahre über die Hälfte aller originalen Nitro-Artefakte, die nach der Wiedervereinigung im Bundesarchiv lagerten, entsorgt worden (siehe hier).

Dr. Michael Hollmann

Dr. Michael Hollmann, seit 2011 Präsident des Bundesarchivs, hat nun zwei Weichen für die Zukunft gestellt: Erstens wird die bislang gängige Kassation von Nitrofilmen mit sofortiger Wirkung beendet. Zweitens soll es in Zukunft keine Kopien auf Analogfilm mehr geben: stattdessen wird digitalisiert. Beide Entscheidungen bedeuten denkwürdige Einschnitte in der Geschichte der staatlichen Filmarchivierung der Bundesrepublik.
Das untenstehende Gespräch führte Dirk Alt (DA).

DA: Herr Dr. Hollmann, für die systematische Vernichtung von Nitrozellulose-Filmen ist das Bundesarchiv auch international viel gescholten worden. Sie haben dieser Praxis jetzt einen Riegel vorgeschoben. Was waren die Grundlagen dieser Neubewertung Ihrer Nitrofilmbestände?

MH: Zunächst möchte ich noch einmal betonen, dass im Bundesarchiv zu keiner Zeit leichtfertig mit der Frage nach dem Umgang mit Filmen auf Nitrozelluloseträgern umgegangen wurde. Prägend war allerdings die Erfahrung, bei einer Explosion von Nitrofilmen im Jahre 1988 nur knapp einer Katastrophe entgangen zu sein. Vor diesem Hintergrund wurde im Bundesarchiv eine interne Hausanweisung formuliert, dass Nitrofilme zu kassieren seien, sobald die Filme auf Sicherheitsfilm umkopiert worden sind. Eine externe Veranlassung zur Reduzierung der Nitrobestände gründete in der für die Nitromagazine in Hoppegarten durch die Genehmigungsbehörden festgesetzten Obergrenze von maximal 80000 Filmrollen.
Inhaltlich waren die zuständigen Kolleginnen und Kollegen mit der geltenden Regelung nie wirklich glücklich. Und das ist gut nachvollziehbar, da ein „Kassationsautomatismus“ der beschriebenen Art doch geradezu fundamental dem archivischen Prinzip des Originalerhalts zuwider läuft.
Mit der Unterschreitung der Lagerungsobergrenze war für Bundesarchiv und BKM als der Fach- und Dienstaufsicht führenden obersten Bundesbehörde die Voraussetzung für eine Überprüfung des Umgangs mit Nitromaterialien gegeben. Als Ergebnis einer sorgfältigen Prüfung der rechtlichen und sicherheitstechnischen Aspekte haben wir die besagte Hausanweisung bis auf Weiteres außer Kraft gesetzt und arbeiten nun an einer neuen Richtlinie für den Umgang mit Nitrofilmen.

DA: Aber ist es nicht tragisch, dass, gemessen am Stand nach der Wiedervereinigung, erst über die Hälfte des authentischen Filmerbes auf Nitrozellulose entsorgt werden musste, ehe diese Überprüfung vorgenommen wurde?

MH: Selbstverständlich tat und tut jeder Film weh, der unter den gegebenen Bedingungen vernichtet wurde, obwohl das Material noch keine Hinweise auf Zersetzung und damit auf eine erhöhte Entzündungsgefahr aufwies. Schließlich – ich möchte das noch einmal betonen – geht es den Gedächtnisinstitutionen um den Erhalt möglichst der Originale.
Man darf aber nicht aus dem Blick verlieren, dass es über viele Jahrzehnte hinweg auch international communis opinio war, Nitrofilme nach der Sicherung der Bildinhalte zu entsorgen. Es hat einige Jahrzehnte gedauert, bis ein differenzierter Umgang mit Nitro sich allgemein durchsetzen konnte. Und im Bundesarchiv hat das wegen des Unfalls von 1988 und der darauf rekurrierenden Bauplanungen noch etwas länger gedauert als bei vergleichbaren Institutionen im Ausland.
Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang war, dass die Nitrofilme sich als erheblich haltbarer erwiesen haben, als lange allgemein angenommen wurde.
Die Neubewertung des Gefahrenpotenzials und die unerwartete Stabilität der Nitrofilme erlauben es, im archivischen Kontext auch den Eigenwert des Materials mit seiner ihm zugehörigen Aura anders zu gewichten – schließlich handelt es sich um einen besonders wertvollen Teil des deutschen und internationalen Filmerbes.

DA: Wie wird das Bundesarchiv in Zukunft mit Nitrofilmen verfahren?

MH: Die nun geltende Regelung sieht vor, dass nach wie vor die auf Nitrozellulose ausbelichteten Filme kontinuierlich auf Sicherheitsfilm umkopiert bzw. künftig digital gesichert werden. Die originalen Filme werden nicht mehr umgehend entsorgt, sondern in den Nitromagazinen des Bundesarchivs gelagert. Erst dann, wenn ein Film Zersetzungserscheinungen aufweist – mit dem Einsetzen der körperlichen Zersetzung geht eine beträchtliche Steigerung des Entzündungsrisikos einher –, muss er künftig vernichtet werden. Da lassen die gesetzlichen Regelungen dann tatsächlich keinerlei Spielraum mehr.
Alle Nitrofilme werden – wie dies auch bislang bereits geboten war – in regelmäßigen Abständen von längstens zwei Jahren auf ihren Zustand hin überprüft. Sollte dabei ein bis dahin noch nicht gesicherter Film entdeckt werden, wird dieser – sofern noch möglich – umgehend digitalisiert.
Die interne Dienstanweisung wurde bereits aktualisiert, die notwendigen Spezifikationen für die technische Beurteilung der Filme befinden sich derzeit noch in Arbeit.

DA: Die Praxis der Nitrofilmkassation hat der materiellen Substanz des Filmerbes während der letzten 25 Jahre schweren Schaden zugefügt. Sind Sie bereit, auch Externen den Zugang zu den entsprechenden Dienstakten Ihres Hauses zu gewähren und so eine Aufarbeitung dieser Praxis zu ermöglichen?

MH: Selbstverständlich stellt der Verlust eines jeden Originals einen nicht mehr heilbaren Schaden dar. Daher stellt der Erhalt der Originale für die Archive, Bibliotheken und Museen auch die oberste Priorität ihres professionellen Handelns dar. Ich möchte noch einmal betonen, dass nach meinem Dafürhalten die Verantwortlichen im Bundesarchiv nie leichtfertig gehandelt haben.
Was Ihre Frage nach Zugang zu den Dienstakten angeht, möchte ich Sie auf die Möglichkeit einer entsprechenden Anfrage auf der Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes hinweisen. Wir werden einen solchen Antrag wohlwollend prüfen.

DA: Bis ins Jahr 2016 hat das Bundesarchiv die physische Sicherung von Film auf Film, also als analoge Kopie vorgenommen. Jetzt soll die Kopieranstalt des Bundesarchivs in Berlin-Hoppegarten geschlossen werden und Archivfilme nur noch als Digitalisate gesichert werden.

MH: Tatsächlich steht das Bundesarchiv unmittelbar vor einer Umstellung seiner Sicherungsmethode. Wir werden die beiden Kopierwerke stilllegen und auf die digitale Sicherung des filmischen Archivguts umstellen.
Alle großen Filmarchive sind im Begriff, umfangreiche Digitalisierungsprojekte und -strategien zu entwickeln, oder haben diesen Schritt bereits vollzogen. Maßgeblich dafür sind die Konsequenzen, die der allgemeine digitale Wandel auch für die Archive zeitigt. Mehrere Aspekte kommen zusammen. Zunächst ist das die weitgehende Umstellung der „Filmwelt“ auf die digitale Technik. Das gilt sowohl für die Produktion von Filmen, als auch für ihre Vorführung und schließlich für ihre Speicherung. Das Bundesarchiv übernimmt in immer stärkerem Maße genuin digitale Filme in ihrer originalen digitalen Form. Das bedeutet, dass für den Bereich der Filmarchivierung – ebenso wie für nahezu alle anderen Überlieferungsbereiche – ein digitales Archiv aufgebaut werden musste, das genuin digitale Überlieferungsformen langfristig, d.h. ohne jede zeitliche Befristung archiviert. Die Methoden und Strategien des Bundesarchivs folgen im Wesentlichen dem OAIS-Standard, dem Open Archival Information System.
Dem korrespondiert das sich beschleunigende Verschwinden der analogen Filmtechnik. Und hinzu kommt schließlich, dass die Benutzer des Bundesarchivs heute Filme praktisch nur noch in digitaler Form anfordern.
Ich möchte gleich an dieser Stelle betonen, dass der Umstieg auf die digitale Sicherung des filmischen Archivguts keine Auswirkung auf den Grundsatz haben wird, dass Archivgut so lange als möglich – neben den Sicherungskopien – im Original gesichert werden muss.
Eine neben der digitalen Sicherung zusätzliche Sicherung in Form analoger Kopien kann das Bundesarchiv mit der momentanen Ressourcenausstattung nicht leisten. Das Bundesarchiv ist aber gerne bereit, bei Vorschlägen zum Weiterbetrieb der analogen Kopierwerke durch Dritte vermittelnd zu unterstützen.

DA: Digitale Daten sind weit weniger langlebig als photochemische Filme und zudem erheblich pflegeaufwendiger.

MH: Diese Feststellung trifft zu, wenn es um den direkten Vergleich zwischen Film und einem elektronischen Speichermedien wie Disketten oder DVDs als Trägermaterialien geht. Die digitale Archivierung folgt jedoch anderen Strategien und Methoden. Digitales Archivgut wird in „lebenden“ Mischsystemen aus Speicherplatten und Bandsystemen mehrfach redundant und an verschiedenen Orten gesichert. Es werden dadurch keine Datenträger wie DVDs, sondern Daten unabhängig von ihrem ursprünglichen Speichermedium archiviert. Die Pflege dieser Daten – und das schließt ggfs. Notwendige Migrationen und Konversionen ein – erfolgt im Rahmen eines sogenannten Preservation-Planning-Systems weitgehend automatisch. Den hierfür sicherlich benötigten Technologien und Speichermedien steht eine konventionelle Archivierung von analogen Filmmaterialen gegenüber, die ebenfalls erhebliche Ressourcen voraussetzt und hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit und langfristigen Verfügbarkeit mit erheblichen Unsicherheiten behaftet ist. Für konventionelle Magazine muss das Bundesarchiv Miete in beträchtlicher Höhe zahlen und die Pflege der analogen Filme ist sehr personalintensiv.

DA: Im Barbarastollen bei Freiburg lässt die Bundesregierung herausragende Kulturdokumente als Mikroverfilmungen einlagern, die über 500 Jahre haltbar bleiben. Erst kürzlich wurden dort als einmilliardster Mikrofilm das Grundgesetz und zugehörige Akten von 1949 eingelagert. Das gleiche Verfahren wäre auch für Kinofilme möglich, die heute ebenfalls auf langzeitstabiles Polyestermaterial kopiert werden, um sie für kommende Generationen vorzuhalten. Fallen wir mit der Digitalisierung nicht weit hinter diesen Anspruch zurück?

MH: Ganz abgesehen davon, dass auch die Langzeitsicherung von Kopien letztendlich wirtschaftlichen Argumenten folgen muss, steht meines Erachtens die Art der Sicherung von Kulturgut grundsätzlich zur Debatte. Es ist durchaus fraglich, wie lange uns noch in ausreichendem Maße und finanzierbar Rohfilm zur Verfügung stehen wird. Auch die Verfügbar der analogen Technologie zur Ausbelichtung und schließlich Präsentation von Filmen kann nicht als langfristig gewährleistet angesehen werden.
Sollte die Entwicklung der kommenden Jahre diesen Erwartungen entgegenlaufen, steht einer Ausbelichtung der im digitalen Magazin des Bundesarchivs gesicherten Digitalisate nichts entgegen.

DA: Wozu in einem Krisenfall, in dem die digitalen Speichersysteme ausfielen, keine Zeit mehr bliebe.

MH: Im Fall einer Katastrophe kann zunächst einmal jedes originale Material von der Zerstörung betroffen sein. Da spielt der Unterschied von analog und digital keine Rolle. Die Frage ist doch, wie und wo für einen solchen Fall Sicherungskopien vorgehalten werden. Das Konzept der digitalen Archivierung sieht vor, dass die Daten mehrfach redundant an verschiedenen, ausreichend weit voneinander entfernten Orten gespeichert werden. So kann die größtmögliche Gewähr geboten werden, dass eine Katastrophe nicht alle „Kopien“ gleichzeitig zerstört. Auch gegen die Gefahr der „Unlesbarkeit“ von Daten wappnet sich das Bundesarchiv und sichert und migriert Daten gemäß internationaler anerkannter Standards und überprüft seine Sicherungssysteme permanent. Aber hier gilt wie auch für analoge Sicherungskopien, dass es einen absoluten Schutz nun einmal nicht geben kann.

DA: Wie stehen Sie zu hybriden Strategien (analoge und digitale Sicherung), wie sie etwa das Schwedische Filminstitut praktiziert?

MH: Auch die schwedischen Kollegen lassen auf ihrer Homepage keinen Zweifel am grundsätzlichen Vorrang der digitalen Technologie. Dort heißt es: „Today, film is made and screened digitally. Analogue film technology is on its way out. If future generations are to be able to access our Archival Film Collections, from the late 19th century to the 21st century, they must be digitized.” Die Strategie ist also nicht wirklich hybrid, vielmehr stellt die Ausbelichtung auf analogen Film eine Sekundärtechnologie dar, deren Fortführung an die Verfügbarkeit von Rohfilm gekoppelt wird. Grundsätzlich gibt es also keinen Unterschied zwischen dem Vorgehen des Bundesarchivs und des Schwedischen Filminstituts, nur dass dem Bundesarchiv nicht die notwendigen Mittel für ein paralleles Vorgehen zu Gebote stehen und – das gebe ich zu – ich kein Vertrauen in die künftige Verfügbarkeit von Rohfilm habe.

DA: Der Kinematheksverbund hat nachdrücklich die Unantastbarkeit filmischer Originale betont. Für Kopien späterer Generation gilt dies wahrscheinlich nicht. Jetzt machen Gerüchte die Runde, denen zufolge das Bundesarchiv die Entsorgung analoger Sicherungs- und Benutzungsstücke der letzten Jahrzehnte erwägt.

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Analoge Originale und Benutzerstücke sollen erhalten bleiben.

MH: Ich möchte noch einmal betonen, dass die Erhaltung der Originale nicht zur Disposition steht. Sollten diese Originale eines Tages nicht mehr zu erhalten sein – und dieser Tag kommt irgendwann für alle menschlichen Artefakte – werden die Sicherungskopien in gewisser Weise an die Stelle der Originale treten. Darum machen wir schon heute hinsichtlich der Lagerung und physischen Sicherung keinen Unterschied zwischen dem originalen Archivgut und seinen Sicherungskopien.
Überlegungen, die Sicherungs- und Benutzungsstücke der letzten Jahrzehnte zu „entsorgen“, gibt es definitiv nicht.

DA: Das digitale Zeitalter stellt die Gedächtnisinstitutionen vor neue, nicht nur technische Herausforderungen, die in einem bestürzenden Missverhältnis zu ihrer finanziellen und personellen Ausstattung stehen. So ist im Bundesarchiv in den vergangenen Jahren ein Drittel des Personals abgebaut worden.

MH: Tatsächlich hat das Bundesarchiv über mehr als 15 Jahre alljährlich 1,7 Prozent seiner Stellen einsparen müssen – wie alle anderen Bundesbehörden auch. Ein solcher Aderlass bei gleichzeitig steigenden Aufgaben ist selbstverständlich nicht oder nicht einfach so zu verkraften. Zwar wurde der jährliche Stelleneinzug mittlerweile gestoppt, die Aufgaben wachsen aber weiter, sowohl in Bezug auf das Anwachsen der reinen Menge an Archivgut als auch hinsichtlich des sich ständig verbreiternden Aufgabenspektrums im Zeichen des digitalen Wandels.
In den kommenden Jahren stehen daher alle Strategien und Methoden des Bundesarchivs zur Disposition, wenn wir bei künftig bestenfalls gleichbleibenden Ressourcen unseren Aufgaben auch weiterhin gerecht werden wollen. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass die deutsche Gesellschaft sich der Tatsache stellen muss, dass es nicht nur darum gehen kann, unser kulturelles Erbe für die Nachwelt zu sichern, schon heute müssen wir das auf uns gekommene Erbe aber auch tatsächlich annehmen – und das geht nicht zum Spartarif.

 

Eine gekürzte Fassung des Gesprächs erschien in der Wochenzeitung „der Freitag“ Nr. 50 vom 15.12.2016, S. 23. Wir danken Herrn Dr. Hollmann für das Interview und die Bereitstellung von Illustrationsmaterial.