Westfalens visuelle Schätze: Im Gespräch mit Dr. Ralf Springer (DA)

Darüber, dass das regionale Filmerbe zu wenig gepflegt wird, herrscht in der Fachöffentlichkeit Einigkeit. Auf die Verluste, die infolgedessen eintreten werden und bereits eingetreten sind, haben wir hier hingewiesen. Glücklicherweise gibt es jedoch auch auf regionaler Ebene Institutionen, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden (in der Regel nicht ausreichenden) Mitteln bestrebt sind, diese Verluste gering zu halten und wichtige regionalgeschichtliche Bestände für die Zukunft zu bewahren. Zu den vorbildlichen Institutionen dieser Art gehört das Filmarchiv des in Münster ansässigen LWL Medienzentrums für Westfalen, das, so die Selbstdarstellung, „als visuelles Gedächtnis der Region westfälische Landschaften, Städte und Dörfer, Landwirtschaft und Handwerk und Industriekultur, Brauch, politische, gesellschaftliche und kirchliche Veranstaltungen und nicht zuletzt auch die Menschen und ihren Alltag im Wandel der Zeit veranschaulicht“. Überregional hat das LWL Medienzentrum für Westfalen mit einer exzellenten DVD-Edition („Westfalen in historischen Filmen“) auf sich aufmerksam gemacht; halbjährlich erscheint eine eigene Publikation unter dem Titel Im Fokus, die seit 2001 über die Arbeit des Medienzentrums berichtet.
Dirk Alt sprach mit Dr. Ralf Springer, der das Bild-, Film- und Tonarchiv seit 2015 leitet.

Dr. Ralf Springer in einem Magazin des Filmarchivs in Münster. © LWL-Medienzentrum für Westfalen/Stephan Sagurna

DA: Herr Dr. Springer, Sie leiten eine der wichtigsten Filmsammlungen Nordrhein-Westfalens. Schildern Sie uns bitte, was sich hinter der Bezeichnung LWL Medienzentrum für Westfalen verbirgt.

RS: Das LWL-Medienzentrum für Westfalen mit Sitz in Münster ist eines von zwei Landesmedienzentren in Nordrhein-Westfalen. Beide befinden sich in Trägerschaft der Landschaftsverbände Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL), die in der Nachfolge der preußischen Provinzialverbände unter anderem für die Bewahrung des kulturellen Erbes in den Landesteilen zuständig sind. Im Fall von Westfalen-Lippe ist das eine Region mit 8,2 Millionen Einwohnern, die von Münster bis Siegen, von Gelsenkirchen bis Paderborn reicht. Das LWL-Medienzentrum für Westfalen wurde bereits 1928 als Landesbildstelle gegründet und ist heute ein moderner Dienstleister und überregional wirkender Akteur für Medien in Bildung und Kultur. Dabei verfolgt es einen dreifachen Auftrag: das audiovisuelle Erbe der Region zu sichern (Bild-, Film- und Tonarchiv), die Geschichte und Gegenwart Westfalens mediengestützt in die Bildungsarbeit zu vermitteln (Medienproduktion) und die westfälischen Kreise und Städte in Fragen des Medieneinsatzes in Bildung und Kultur zu unterstützen (Medienbildung und Medienbereitstellung). Das Bild-, Film- und Tonarchiv stellt somit eine der drei Säulen des LWL-Medienzentrums dar. Durch die Zugehörigkeit zu einem Landesmedienzentrum und zum LWL besteht eine enge Zusammenarbeit mit weiterem Fachpersonal, so dass dem Archiv zur Aufgabenerfüllung beispielsweise Fotografen, Medienproduzenten und Informationstechniker zur Seite stehen.

DA: In welchem Bezug zum Bundesland müssen die Filme stehen, die in Ihr Sammelgebiet fallen? Führen Sie eine aktive Sammlungspolitik durch oder beschränken Sie sich darauf, Bestände zu prüfen, die Ihnen angeboten werden? Wie gehen Sie mit Materialien ohne regionalen Bezug um, die Ihnen zugehen?

RS: Das Filmarchiv des LWL-Medienzentrums ist ein aktives Sammlungsarchiv. In den vergangenen fast drei Jahrzehnten wurden annähernd 8.000 Filmdokumente zusammengetragen. Bei den Abgaben handelt es sich zumeist um Dauerleihgaben. Geber sind vor allem die kommunalen Archive und Museen aus Westfalen-Lippe, aber auch andere öffentliche Institutionen, Vereine und Verbände bis hin zu Privatpersonen. Demzufolge sind die Filmbestände sehr heterogen. Das gilt sowohl für die Träger, die sämtliche gängigen Film- und Videoformate umfassen, als auch für Machart, Qualität und Genres, wobei der (Amateur-)Dokumentarfilm dominiert. Das verbindende Element ist der Westfalenbezug, den jeder Film für eine Aufnahme in das Archiv mitbringen muss. In begründeten Ausnahmen kann dieses Kriterium auch fehlen, sofern die Filmquelle anderweitig von historischem Wert ist und kein zuständiges Archiv zu ermitteln ist. Sammlungen, die nicht in das Konzept passen, werden möglichst an geeignete Archive weitervermittelt. Das ist gerade bei Amateuraufnahmen aber leider oft schwierig, weil diese thematisch sehr vielfältig sind und in der Archivlandschaft kaum Abnehmer zu finden sind.

Standbild aus dem Film „Rund um das Ebbegebirge“ (1971) von Paul Kellermann. Paul Kellermann (1905-1991) fertigte vor allem zwischen den 1950er und 1970er Jahren zahlreiche Filme zu westfälischen Regionen mit Schwerpunkt auf seine sauerländische Heimat. Sein filmischer Nachlass liegt im Filmarchiv des LWL-Medienzentrums.© LWL-Medienzentrum für Westfalen

DA: Dies führt ja leider oft dazu, dass umfangreiche Filmnachlässe auseinandergerissen werden oder verloren gehen. Wie gehen Sie in den beschriebenen Fällen vor? Geben Sie abgabewilligen Privatpersonen eine Hilfestellung, ein geeignetes Archiv zu finden, oder müssen Sie es bei der Absage bewenden lassen?

RS: Mengenmäßig dominieren bei uns Abgaben von sehr heterogenen Amateurfilmsammlungen. Typischerweise halten diese Filme das lokale und regionale Lebensumfeld des Filmemachers fest. Dabei können einige Filme der Sammlung durchaus stark in das familiäre Leben abgleiten (Stichwort: Krabbelstudie) oder den Urlaub auf Mallorca zeigen. Derartige Aufnahmen sind im Regelfall kassabel. Anders sah es zum Beispiel aus, als ein ehemaliger Eisenbahnmitarbeiter seine Filmsammlung zum Thema Züge abgeben wollte. Diese geschlossene Sammlung ohne Westfalenbezug gehörte unserer Einschätzung nach eher in das Museum der Deutschen Bahn, wohin sie auch vermittelt wurde. Das Bundesarchiv-Filmarchiv ist ein wichtiger Ansprechpartner, sobald uns Nitrofilme ohne Westfalenbezug angeboten werden: Ein besonderer Fund mit Weiterleitung nach Berlin war ein Werbefilm für Kriegsanleihen aus dem Jahr 1917, der bislang nicht bekannt war. Für archivwürdige Filme versuchen wir also durchaus die passende Einrichtung zu finden.

DA: Welche räumlichen Kapazitäten stehen Ihnen für das Filmarchiv zur Verfügung? Wie sehen die Lagerbedingungen aus (Kühle, Luftfeuchte usw.)?

RS: Aktuell stehen dem Filmarchiv zwei Kühlkammern mit einer Gesamtfläche von knapp 50 Quadratmetern und einer Klimaumgebung von 12 Grad Celsius und 40 Prozent relativer Luftfeuchte zur Verfügung.

DA: Wie gehen Sie mit Filmrollen um, die Zersetzungserscheinungen etwa durch das Vinegar-Syndrom zeigen?

RS: Die Bewahrung des Originalfilms hat bei der Archivierung Priorität. Dieser wird solange aufbewahrt, wie es sinnvoll erscheint. Ist der Film in seiner Substanz gefährdet, wird eine hochwertige Sicherungsdigitalisierung durchgeführt. Für eine 16 mm-Filmrolle bedeutet das zum Beispiel: 2K als DPX mit 16 Bit log, Overscan 5 Prozent, natives RGB. Die erzeugten Einzelbilder werden zusammen mit Derivaten für Produktions- und Ansichtszwecke in einer Bandbibliothek abgespeichert. Die Sicherungsdigitalisierung ist insbesondere im Videobereich unerlässlich, da sich die Kassetten nicht für eine Archivierung eignen und bereits Aufnahmen aus den 1980er und 1990er Jahren gefährdet sind.

DA: Nun besteht ja auch innerhalb der Fachöffentlichkeit ein Dissens hinsichtlich der Frage, inwieweit Digitalisierung überhaupt als Sicherungsmaßnahme gelten kann. Der Präsident des Bundesarchivs sagt ja, die Leiterin des Deutschen Filminstituts sagt nein. Würden Sie, wenn Ihnen die finanziellen Mittel zur Verfügung stünden, noch Analogkopien ziehen oder Ihre Digitalisate ausbelichten lassen?

RS: Auch wenn Geld keine Rolle spielen würde, stellt sich die Frage, ob der analoge Weg langfristig aufrecht erhalten werden kann. Der Kopiervorgang der Filme läuft bereits digital und ist bei entsprechenden technischen Vorgaben unbestritten besser als die ältere Analogkopierung. Das vorhandene Digitalisat anschließend auf Polyesterfilm ausbelichten zu lassen, würde bedeuten, dass wir den digitalen Sicherungskonzepten nicht vertrauen können. Angesichts der Videoüberlieferung hätten wir dann ein Problem, da wohl niemand eine digitalisierte U-matic-Kassette wieder auf ein analoges Videoband ausspielen würde und kann. Insofern sollte der digitalen Langzeitarchivierung künftig Priorität eingeräumt werden. Das bedeutet aber auch, dass die hochwertig angefertigten Digitalisate (Einzelbilder und unkomprimierte Files) nicht bloß auf Festplatten und Servern abgespeichert werden, sondern in eine archivgerechte Softwarearchivtektur eingebunden sein müssen, die den Erhalt der digitalen Ursprungsformate garantiert und die Wandlung in neue Formate organisiert. So etwas lässt sich nicht nebenbei aufbauen und finanzieren, sondern erfordert eine ausführliche Konzeptions- und Umsetzungsphase, Personal, hohe Finanzmittel und möglichst auch schon Erfahrung. Solange die digitale Sicherung in einem Haus nicht gewährleistet ist, gibt es auch für die analoge Ausspielung von Substanzdigitalisierungen gute Gründe.

DA: Der Begriff des nationalen Filmerbes ist auf Bundesebene in aller Munde. Was verbinden Sie damit? Sind auch die in Ihrem Archiv zusammengetragenen Filme nationales Filmerbe?

RS: Das nationale Filmerbe umfasst sicher mehr als eine ausgesuchte Zahl großartiger und aufwendig produzierter Filme. Mit einigem Recht hat man das bewegte Bild – neben der Fotografie – als das visuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Filme und Bilder prägen unsere Vorstellungen von historischen Räumen, Ereignissen, Personen und sozialen Verhältnissen. Der historische Film ist deshalb ein einzigartiger Spiegel der kollektiven Erinnerung, wobei sich das Kollektive nicht auf die nationale Ebene beschränkt. Die Nachwirkung einer Epoche konstituiert sich für den Einzelnen und für die vielen heterogenen Gruppen gerade im lokalen und regionalen Raum, so dass die Arbeit mit Filmquellen aus der Heimatregion von großer Bedeutung ist.

Standbilder aus Privatfilmen von Elisabeth Wilms. Links: „Münsterland-Heimatland“ (1943), rechts: „Alltag nach dem Krieg (Dortmund 1947)“. © LWL-Medienzentrum für Westfalen

DA: Im öffentlichen Diskurs gilt das Primat des Spielfilms. Man hat gelegentlich den Eindruck, dass Politiker nur eine sehr unscharfe Vorstellung dessen haben, was über das Erzählkino hinaus zum Filmerbe gehört. Wie kann man gerade auf solche Filme hinweisen, die „nur“ regionale Bedeutung haben? Wie erzeugen Sie Öffentlichkeit für die Filmsammlung des LWL Medienzentrums für Westfalen, und was muss getan werden, um die Sensibilität für das regionale Filmerbe zu steigern?

RS: Die Bedeutung regionaler, dokumentarischer Filme ist in der heutigen Fernsehlandschaft eigentlich unübersehbar. Kaum eine History-Dokumentation oder ein Rückblick in einem der Dritten Programme kommt ohne Filmmaterial aus, das von Privatpersonen oder aus öffentlichen Archiven stammt. Die Überlieferung und das Auffinden dieser Materialien ist jedoch nicht selten ein Glücksfall, ganz zu schweigen von der Nutzbarkeit. Wir haben bereits seit 2008 eine Datenbank, in der sukzessive die hier deponierten Filme erschlossen werden. Inzwischen können über 2.500 Filme und Filmteile teilweise szenengenau über das Internet recherchiert werden: www.filmarchiv-westfalen.lwl.org. Diese Konzentration westfälischer Filme wird auch wahrgenommen, mittlerweile erreichen uns jährlich 100, teilweise sehr aufwändige Rechercheanfragen. Für den Bildungsbereich und die interessierte Öffentlichkeit produzieren wir außerdem noch die DVD-Reihe „Westfalen in historischen Filmen“, in der regelmäßig Editionen und Filmcollagen zu regionalen Themen erscheinen. Diese Filme werden auch in der Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt: Die Premieren werden von politischen Vertretern begleitet und von der lokalen Bevölkerung äußerst positiv wahrgenommen. Mit diesen Editionen wie auch mit nicht-veröffentlichten Filmen aus dem Archiv treten wir regelmäßig vor Heimatvereinen in ganz Westfalen-Lippe auf, um für das Filmarchiv Werbung zu betreiben und weitere Filmabgaben anzuregen.

DA: Zurzeit wird die Filmerbe-Diskussion in den Kulturfeuilletons vor allem von bzw. zwischen Aktivisten und Vertretern der Institutionen des Kinematheksverbundes geführt. Die öffentliche Wahrnehmung ist wahrscheinlich gering. Braucht es Ihrer Meinung nach auch eine gesellschaftliche Debatte, und sehen Sie Chancen, eine solche zu erzeugen?

RS: Die Auseinandersetzung in den Fachinstitutionen ist ein notwendiger Schritt, da hier die grundlegenden Probleme sowie ihre Lösungsvorschläge besprochen und in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Eine Nachwirkung bei den Entscheidungsträgern und im öffentlichen Raum wird meines Erachtens vor allem durch konkrete Konzepte und erfolgreiche Umsetzungen erreicht, an die sich jeweils gesellschaftliche Debatten zur Filmerbe-Diskussion anschließen sollten. Unser Filmarchiv hat sich in den vergangenen fast 30 Jahren zu einem verlässlichen Partner der Archive und Heimatvereine etabliert, so dass die Existenz der Einrichtung auch von den wechselnden politischen Vertretern nicht angezweifelt wird. In Nordrhein-Westfalen hat sich der Arbeitskreis Filmarchivierung NRW seit den 1990er Jahren für eine kontinuierliche Landesförderung von wertvollen Filmquellen stark gemacht. Seit 2007 existiert nun ein entsprechendes Förderprogramm, das jährlich 50.000 Euro und mehr für die Sicherung bereitstellt. Davon haben in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Einrichtungen und Privatpersonen Gebrauch gemacht und konnten hunderte von Filmen gerettet werden. Angesichts dessen, was in puncto Digitalisierung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf die Filmarchive zukommt, sind eine gute Vernetzung und große Ausdauer sowie eine starke Präsenz in der Öffentlichkeit notwendige Voraussetzungen für eine stärkere Förderung dieses bedeutsamen Kulturgutes.

© LWL-Medienzentrum für Westfalen/Claudia Landwehr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir danken Herrn Dr. Springer für das Interview und die Bereitstellung von Illustrationsmaterial.