Weltgeschichte in bewegten Bildern: Ein Filmerbe-Gespräch mit Karl Höffkes

Wenn vom Filmerbe die Rede ist, sind damit fast immer Spielfilme gemeint – zumal die Klassiker der deutschen Filmgeschichte. Zu den Filmen, die regelmäßig vergessen werden, gehören zeit- und regionalgeschichtliche Aufnahmen, die für unser kollektives Gedächtnis unersetzlich sind, mitunter aber auch ein nicht unbeträchtliches kommerzielles Potential haben. Eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen historischer Aufnahmen wird von der Agentur Karl Höffkes (AKH) lizenziert. Das Unternehmen ist in der münsterländischen Kleinstadt Gescher ansässig, einem abseits gelegenen Standort, der nicht recht zum Anspruch der AKH zu passen scheint, das „weltgrößte Archiv privat gedrehten Filmmaterials vor 1945“ zu sein. In seinem blitzblanken Büro, in dem sich Filmbüchsen dekorativ neben Reiseandenken stapeln, sprach ich mit Agenturinhaber Karl Höffkes über die Sammlungsschwerpunkte und wirtschaftlichen Perspektiven seines Archivs, über Fragen des Filmerbes und der Politik.

Karl Höffkes (© AKH)

DA: Herr Höffkes, Sie beanspruchen für sich, das weltgrößte Archiv privat gedrehter Filmaufnahmen vor 1945 zu besitzen. Um wie viele Stunden Material handelt es sich?

KH: Das kann man gar nicht genau sagen, weil ständig neue Rollen eintreffen und andere in den Kopieranstalten liegen, wo sie in HD abgetastet, stabilisiert und wenn nötig auch farbkorrigiert werden. Grob geschätzt dürften es inzwischen etwa 2.400 Stunden Material sein. Davon ca. 180 Stunden in Farbe. Gerade heute sind drei 16-mm Rollen eines ehemaligen Wehrmachtsarztes gekommen, die insgesamt ca. 40 Minuten lang sind; davon ist gut die Hälfte in Kodachrom gedreht.

DA: Sie vertreiben und lizenzieren Ausschnittmaterial aus Ihrer Sammlung über ein eigenes Videoportal www.archiv-akh.de. Wie gut läuft das Geschäft, wer sind Ihre Kunden, was sind besonders stark nachgefragte Themenschwerpunkte?
KH: Wir sind zufrieden. Die Umsätze steigen kontinuierlich, was mit dem wachsenden Bestand, der detaillierten Verschriftung des vorhandenen Archivbestandes und unserer intensiven Beratung zusammenhängt. Gefragt ist vor allem die Zeit bis 1946. Unsere Kunden sind TV-Sender, Filmproduktionen, Museen, Ausstellungen und viele andere aus dem In- und Ausland; in letzter Zeit erhalten wir vermehrt Anfragen aus den USA, aus Japan und einigen arabischen Staaten.

DA: Stichwort Fernsehauswertung: Was sind die wichtigsten History-Produktionen der letzten Zeit gewesen, für die Sie Archivmaterial bereitgestellt haben?

KH: Die Frage zu beantworten würde den Rahmen des Interviews sprengen. Vielleicht nur ein Beispiel: der 70 Jahrestag der Olympischen Spiele von Berlin hat sich weltweit in zahlreichen Dokumentationen niedergeschlagen. Da wir die umfangreichste Sammlung an Amateurfilmen zu den Spielen besitzen, haben wir dieses Material an Spiegel TV, an diverse öffentlich-rechtlichen Sender, an amerikanische, japanische, französische und britische Produktionen lizenziert.

DA: Ein Schwerpunkt Ihrer Sammlung liegt auf der Zeit des Nationalsozialismus. Was hat Sie bewogen, Filmaufnahmen dieser Zeit zu sammeln?

KH: Ich bitte Sie: das war die Zeit, in der zum ersten Mal Amateurfilmer an allen Fronten Weltgeschichte in bewegten Bildern festgehalten haben. Als ich irgendwann zufällig die ersten farbigen Amateurfilme aus dem Krieg gesehen habe, war ich fasziniert von der Nähe, die sie mir vermittelten. Da ich neben Germanistik und Philosophie auch Geschichte studiert habe, gab es von da an keinen Zweifel: das ist mein Beruf und meine Berufung!

DA: Dieser thematische Schwerpunkt erscheint insofern brisant als Ihnen in der Vergangenheit immer wieder Sympathien für die politische Rechte bzw. den Rechtsextremismus nachgesagt worden sind. Was ist der Hintergrund dieser Vorwürfe?

KH: Ich bin 1954 geboren, und mich hat als Jugendlicher die damals ungelöste Deutsche Frage und die Mauer durch Deutschland mehr beschäftigt als die Diskussionen um den „richtigen“ Sozialismus zwischen den Anhängern von Enver Hoxha, Leo Trotzki und Mao Tse-tung. Daher habe ich meine Heimat in patriotischen und bündischen Gruppierungen gesehen. Damals war viel mehr Bewegung, mehr Austausch und offener Diskurs: Man suchte seinen Weg, besuchte diverse Veranstaltungen, engagierte sich, geriet dabei in Sackgassen, orientierte sich neu, lernte interessante Persönlichkeiten kennen und diskutierte über alles und nichts. Andere sind hinter Plakaten von Massenmördern wie Mao, Stalin oder Pol Pot hergelaufen. Wird daraus irgendein Vorwurf hergeleitet? Ich jedenfalls erhebe keinen, wenn später Einsicht über den falschen Weg folgte. Ich halte das für ein Recht junger Menschen.
Hinzu kommt, dass heute kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen einem normalen patriotischen Denken, das ich jedem Menschen zubillige, und politischem Extremismus. Mit letzterem hatte und habe ich nichts gemein. Ich war, außer für einige Zeit in der CDU, nie in einer Partei. Das ist einfach nicht meine Welt, aber auch das darf man als junger Mensch ausprobieren und erfahren. Ich habe mich in verschiedenen patriotischen Zirkeln engagiert, musste aber erkennen, dass ich mit den Inhalten, die dort vertreten wurden, nicht übereinstimmte. Dann bin ich halt gegangen und habe neue Wege beschritten. Was ist daran so schlimm? In Ländern wie den USA gehört Suchen, Irren und Neuorientierung zur Normalität, hier ist das offensichtlich ein Schwerverbrechen.

DA: Sehen Sie darin den Grund, weshalb diese Vorwürfe zum Teil bis heute beharrlich wiederholt werden – am prominentesten in der Online-Enzyklopädie Wikipedia?

KH: Ich werde den Verdacht nicht los, dass es gar nicht um eine politische Verortung geht, sondern um eine Verleumdungskampagne. Wiederholungen sind wahrscheinlich einfacher als ein offener Diskurs, Schubladendenken ist weniger anstrengend als Differenzierung. Wenn ich angeboten habe, zu den erhobenen Vorwürfen in einer öffentlichen Diskussion Stellung zu nehmen, wurde ich abgeblockt. Ein Gespräch mit mir wurde von denen, die mich – übrigens meist in anonymer Form – diskreditieren, niemals akzeptiert. Warum? Kennen Sie den Spruch: „Komm mir bitte nicht mit Tatsachen, mir genügt meine Meinung“?
Was Wikipedia angeht – nur ein Beispiel: in dem Artikel über mich wird behauptet, dass meine Publikationen auch von rechtsextremistischen Versandhandelsfirmen in deren Programm aufgenommen worden seien. Dazu gibt es eine ziemlich umfangreiche Diskussion, die in der mehrfach wiederholten Frage an Wikipedia gipfelt, als Beleg für die Behauptung wenigstens eine rechtsextremistische Versandhandelsfirma zu benennen, die meine Publikationen vertreibt. Da kam nichts – einfach keine Antwort. Im Gegenteil: die Bitte, in diesem Fall doch die entsprechende Passage zu ändern, wurde von einem anonymen Administrator als „Aufhübschen“ weggewischt. Da muss sich jeder selbst ein Urteil über Wikipedia bilden. Dass der Administrator nicht unter seinem Klarnamen auftritt, passt ins Bild.

DA: Sie unterhalten inzwischen eine Zusammenarbeit sowohl mit der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als auch mit dem US Holocaust Memorial Museum. Welche gemeinsamen Ziele und Projekte verfolgen Sie?

KH: Wir arbeiten eng zusammenarbeiten, um filmische Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und zu bewerten. Im vergangenen Herbst (2016; Anmerkung DA] war ich auf einer Konferenz in Yad Vashem in Jerusalem, bei der wir [Karl Höffkes und Hermann Pölking-Eiken; Anmerkung DA] neue, privat gedrehte Filmfunde aus Ghettos und die erste überhaupt bekannte gewordene Szene eines Todesmarsches vorstellen durften. Unser Material wird sowohl in Yad Vashem als auch vom USHMM für schulische und dokumentarische Zwecke genutzt. Übrigens kostenlos – andere Archive halten da gerne mal die Hand auf…

DA: Für Regionalhistoriker ist Ihr Archiv eine wahre Fundgrube. Nehmen wir Niedersachsen als Beispiel: Welche besonders interessanten zeitgeschichtlichen Aufnahmen von dort lagern bei Ihnen?

KH: Vor allem dürften wohl die Aufnahmen der unzerstörten Altstädte von Interesse sein: Da haben wir exzellentes Schwarz-Weiß-Material etwa aus Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück. Gute Farbaufnahmen liegen beispielsweise aus Hannover vor, oder aus Oldenburg. Aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gibt es eine Reihe Trümmer- bzw. Wiederaufbaufilme. Aktuell liegt uns gerade ein professionell gedrehter Farbfilm vor, der einen Besuch Konrad Adenauers in Braunschweig in den 50er Jahren zeigt.

Regionalgeschichte im Schmalfilm: Konrad Adenauer in Braunschweig (© AKH)

DA: Die Ausgangsmaterialien Ihrer Archivfilme sind von besonderem zeitgeschichtlichem Wert, weil es sich bei Amateurfilmen fast immer um Unikate handelt. Wie viele der Originale befinden sich in Ihrem Besitz und wie werden diese Originale gelagert, um Ihren Erhalt zu gewährleisten?

KH: Mit dieser Frage legen Sie Ihren Finger in eine offene Wunde: die Archivierung unserer Originalfilme haben wir in der Tat lange Zeit vernachlässigt, weil wir nicht alles zugleich erledigen konnten. Seit Monaten sichten wir aber jede Rolle noch einmal, versehen sie mit einer Nummer und erfassen sie in einer Datenbank. Da bin ich meinen jungen Mitarbeitern sehr zu Dank verpflichtet! Wir sind derzeit erst bei knapp 1.000 Rollen. Den Gesamtbestand schätze ich auf etwa 4.500 Rollen unterschiedlicher Lauflänge in den Formaten 8-, 9,5-, 16- und 35-mm.
Parallel zu der Katalogisierung errichten wir ein Filmlager in einer extra dafür gebauten Hochregalhalle mit entsprechender Temperierung. Ein kostspieliges Unterfangen, das aber angegangen werden muss, um die Filme für kommende Generationen zu bewahren.

DA: Warum ist das ein Ziel, dem Sie sich verpflichtet fühlen?

KH: Filme sind ein unersetzliches Kulturgut; sie zeugen vom Leben unserer Vorfahren und bilden ein vielschichtiges Gedächtnis unserer Geschichte. Viele Städte, die im Zweiten Weltkrieg untergingen, leben in Filmen weiter. Ostpreußen, Schlesien, Pommern und das Sudetenland sind in lebendigen Bildern festgehalten. Der Alltag, der das Leben unserer Großeltern und Eltern bestimmte, wäre für immer verloren, wenn er nicht auf Filmen erhalten würde. Filme sind aber auch ein Zeugnis für das, was Menschen ihren Mitmenschen antun können: für Leid und Krieg, Verbrechen und Schuld.

DA: Zurzeit verhandeln Bund und Länder über Geldmittel zur umfassenden Digitalisierung des Filmerbes. Mit 10 Mio. Euro pro Jahr sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren vor allem die Mitglieder des Kinematheksverbundes bedacht werden, vor allem also das Bundesarchiv, die Stiftung Deutsche Kinemathek und das Deutsche Filminstitut. Regionale Archive und private Sammlungen werden demgegenüber voraussichtlich nicht bedacht werden. Wie bewerten Sie die Digitalisierungskampagne der Bundesregierung vor diesem Hintergrund?

KH: Immer wenn der Begriff „Politik“ auftaucht – auch im Zusammenhang mit der Kultur – bin ich skeptisch. Ich habe bisher noch keinen Pfennig von irgendeiner Stelle bekommen. Da ich wirtschaftlich unabhängig bin, fließt alles, was wir an Lizenzen einnehmen, wieder in den Ausbau des Archivs zurück. Das macht uns stark und ermöglicht uns auch teure Zukäufe. Manchmal wäre ein Zuschuss hilfreich; andererseits sind wir von niemandem abhängig und entscheiden frei, was wir für richtig halten. Inwieweit unsere Steuergelder im Rahmen der Digitalisierungskampagne sinnvoll verwendet werden, wird sich in Zukunft zeigen.

DA: Wenn vom Filmerbe die Rede ist, dann zumeist von Klassikern des deutschen Spielfilms, „Metropolis“ und „Caligari“. Zeitgeschichtliche Aufnahmen scheinen in der kulturpolitischen Wahrnehmung kaum eine Rolle zu spielen. Wie erklären Sie sich diese unterschiedliche Bewertung?

KH: Kultur, vor allem deutsche Kultur, ist ein wandelbarer Begriff, nicht nur in Sachen Film. „Metropolis“ und „Caligari“ sind zweifellos bedeutende Werke, die erhalten werden müssen; die damit einhergehende Vernachlässigung anderer zeitgeschichtlicher Aufnahmen ist in meinen Augen aber ein Versagen der Politik und der Kulturverantwortlichen. Warum so gehandelt wird, kann Ihnen wahrscheinlich ein guter Psychologe eher erklären als ich. Wie dünn und brüchig der Kulturbegriff ist, zeigt die Tatsache, dass staatliche Archive nach wie vor bestens an den Wochenschauen des Dritten Reiches verdienen.
Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, meinen eigenen Weg zu gehen. Für mich zählen auch Filmschaffende wie Hans Cürlis, Hubert Schonger oder Fritz Boehner zu den großen Bewahrern unserer Geschichte und Kultur.

DA: Ihre Agentur lebt von dem Interesse an Geschichte. Wie weit verbreitet ist dieses Interesse heute noch? Mitarbeiter von Bundesarchiv und Transit-Film etwa beklagen die immer schlechtere Absetzbarkeit von historischem Filmmaterial.

KH: Das wundert mich nicht. Wenn man nur darauf wartet, dass sich jemand meldet, um Material zu kaufen, hat man schon verloren. Und wenn man Kunden das Gefühl vermittelt, sie stören, und sie wochenlang auf einen Sichttermin warten lässt, sollte man sich lieber ein anderes Betätigungsfeld suchen.
Wir hatten im Jahr 2016 etwa 450 Anfragen von Sendern und Produzenten. Auch wenn wir noch nicht alle mit passendem Material bedienen können, nehmen wir uns die Zeit, ausführlich zu antworten, Hinweise zu geben und auf interessantes Material hinzuweisen. Viele Anfragen wachsen sich im Laufe der Produktion zu intensiven Beratungen aus. Wir verstehen uns als Partner der Filmschaffenden und nicht als Behörde, die abkassiert. Die Richtigkeit unserer Firmenphilosophie zeigt sich in wachsenden Umsätzen und auch daran, dass sich immer mehr Rechteinhaber an uns wenden, um uns ihr Filmmaterial zur Vermarktung anzuvertrauen.
Wenn sich das mit Steuergeldern finanzierte Bundesarchiv und Transit über immer schlechtere Umsätze beklagen, stehe ich als Privatunternehmer gerne zur Verfügung.

 

Das Interview erschien ursprünglich in gekürzter Form im vom Film- & Medienbüro Niedersachsen herausgegebenen Rundbrief Nr. 124/125 (Februar- April 2017), S. 26-27. Der Rundbrief kann online hier eingesehen werden.