Ungeahnte Energien beim Aufeinandertreffen unterschiedlichster Elemente

Der Filmemacher und Kinobetreiber (Mal Seh’n Kino Frankfurt) über seine Arbeit

Die Filme von Gunter Deller sind online auf Vimeo anzuschauen: https://vimeo.com/user25702807

Mit der Bolex H16 Kamera zu filmen bedeutete für mich: Unterwegs zu sein und dabei eine einzelbildpräzise, mobile und robuste Trickkamera nutzen zu können. Ein Beobachten und Sammeln: Über längere Zeiträume Ereignisse, Menschen, Zustände, Dinge meines unmittelbaren Lebensraums festzuhalten, durch dieses mechanische Auge überhaupt erst wahrzunehmen, um dann deren Lichtspuren mit dem klackernden Transportgeräusch der Kamera in die Emulsion des (Super) 16 mm-Materials regelrecht einzumeißeln. Der alles bestimmende Grundrhythmus mit seinen 24 Bildern pro Sekunde wird flickernd in der Projektion spürbar gemacht. Magische Verwandlungen geschehen beim Vorgang des mehrfachen Belichtens, ein explosiver fotochemischer Prozess. Nach der Entwicklung stellt jede Einstellung ein einmaliges, unwiederholbares Stück fixierter Zeit dar. Als farbig flatternde Filmstreifen hängen sie dann wochenlang in den Türrahmen meiner Wohnung. Schließlich werden Zusammenhänge sichtbar und am Schneidetisch montiert entstehen Gedichte, geschrieben mit bewegten Bildern und Tönen: Ein Versuch, sich in dieser Welt und ihren Zeichen zu orientieren. Wobei die Töne meist erst nach der Bildmontage hinzukommen, die Bilder sollen auch allein stark genug sein. Der Sound als Wegbereiter in tiefere Schichten des Bewusstseins  kann nun ergänzend dienen, aber auch die Bilder gegen den Strich bürsten und neue Dimensionen erschließen. Meist ist es ein Wechselspiel. Dabei arbeite ich häufig mit Musikern zusammen, deren Arbeit ich schätze und die, nach anfänglichen Sichtungen und Gesprächen, bei der kompositorischen Umsetzung relative Freiheit genießen. Beim Aufeinandertreffen unterschiedlichster Elemente können somit ungeahnte Energien frei werden. Dadurch bekommen meine Filme einen collageartigen Charakter und lassen sich zerlegen und neu zusammenfügen, wie in der 3-Kanal Videoinstallation „Landungen und periphere Ziele“.

Für ein Videokunst-Ausstellungsprojekt 2014 im Dresdener Albertinum (Barock.Romantik.Video – Curvature of Events) wechselte ich ins digitale Medium. Knappe Vorlaufzeit, Budget und Präsentationsform machten das notwendig. Das bedeutete einen Verzicht auf meine jahrelang erprobten Techniken und das Akzeptieren einer anderen Bildästhetik: Trotz High Definition (2K/4K) fehlt die organische Textur und Dichte eines analogen Filmbildes. So besann ich mich zunächst auf die (für mich) grundlegende Basis allen Filmschaffens, analog oder digital: Das empfindsame Beobachten der Welt mithilfe eines optischen Apparates. Eine inspirierende Erfahrung waren dabei die direkten Möglichkeiten der Bildkontrolle bereits bei der Aufnahme. Wie ein Maler kann ich nun unmittelbar, sozusagen in Echtzeit, ins Bild eingreifen und Bewegungsabläufe oder Lichtverhältnisse korrigieren. Bei der Montage ist die schnelle Verfügbarkeit einzelner Szenen von Vorteil, denn so sind Denken und Ausführen stärker synchronisiert. Effektbearbeitungen, Farb- und Lichtkorrektur können eigenständig ausgeführt werden. Manchmal wende ich Strategien an, die analoge Arbeitsweisen simulieren: Wie beim mehrfachen Belichten einer 16 mm-Filmrolle mit bewusst gesetzten Schwarzstellen für eine Zweitbelichtung, kann ich mehrere Bildspuren in der Timeline des Schnittprogramms übereinander legen und intuitiv in bestimmten rhythmischen Abständen einzelbildgenaue Lücken setzen, durch die dann andere Bildebenen hervorblitzen. Der Prozess ist ein anderer, da nachträglich und kontrollierter ausgeführt und das Ergebnis sieht auch „klinischer“ aus. Das sind alles Faktoren, mit denen ich auch arbeiten kann, denn jedes Medium hat seine eigenen Gesetze. Als Neuling bewege ich mich noch suchend und forschend darin, mit momentan viel Lust und Freude, und es wird sicher mein Hauptarbeitsgerät in Zukunft sein;  ich vermute aber, dass das Ergebnis ohne meine Analogerfahrung anders aussehen würde. Probleme bereitet mir eher dieses nichtgreifbare Endprodukt als „file“, sei es gewandelt als DCP auf Festplatte oder gebrannt als BluRay, das sind alles doch recht fragwürdige Speichermedien. Die Bolex jedenfalls liegt immer noch jederzeit bereit.

Gunter Deller, Juni 2016