Stellungnahme PWC- Gutachten (HH)

von Helmut Herbst (HH), Birkert, 22. 7. 2015

Stellungnahme zum PWC- Gutachten „Kostenabschätzung zur digitalen Sicherung des Filmischen Erbes“  im Auftrage der FFA v. 20. Juli 2015

Neueste Nachrichten vom CINECID und wie man ihn doch noch abwenden könnte.

In der Pressemitteilung der Filmförderungsanstalt (FFA) vom 16. 6. 2015 heißt es: „In ihrem Gutachten schlägt die PwC vor, die Digitalisierung schrittweise mit einem jährlichen Mindestvolumen von 10 Mio. Euro über einen Zeitraum von mindestens 10 Jahren zu finanzieren. Der Verwaltungsrat appelliert deshalb an die Verantwortlichen von Bund und Ländern, bereits ab dem Jahr 2016 entsprechende Mittel zur Verfügung zu stellen.

Das ist endlich einmal eine gute Nachricht! Sie zeugt von einem neu entfachten Engagement der Branche, in letzter Minute mit der Rettung des Filmerbes Ernst zu machen. Das Gutachten für die Filmförderungsanstalt mit dem Titel „Kostenabschätzung zur digitalen Sicherung des Filmischen Erbes“  enthält für alle, die die bisherige Ineffektivität und Unübersichtlichkeit der zerklüfteten deutsche Archivlandschaft beklagen und daher eine solidarische Koordinierungsstelle aller Archive fordern, aber auch eine ernüchternde Botschaft: Die für das Verfahren der Digitalisierung maßgebende Institution ist offenbar jetzt das Bundesarchiv/Film. In dem von der Wirtschaftsprüfungs- Gesellschaft PwC (PricewaterhouseCoopers AG) vorgeschlagenen Verfahren werden die Konturen der künftigen Film- Archivierungspraxis im Rahmen einer Gesamt- Strategie des Bundesarchivs sichtbar. Gleichzeitig erscheinen damit alle Überlegungen, das Bundesarchiv/Film aus dem übergewichtigen, sachfremden, Akten- Archiv des Bundes herauszulösen (*), gegebenenfalls der Deutschen Kinemathek anzugliedern und so ein effektives, gut ausgestattetes zentrales deutsches Filmarchiv zu schaffen, obsolet.

Das im verkürzten PowerPoint- Stil präsentierte Gutachtens ist aber leider unvollständig. Meine Stellungnahme zum Papier von Bernd Papenstein konzentriert sich daher auf das Ab- und Hintergründige, das hinter den Verkürzungen und Auslassungen vermutet werden kann, d.h. auf bislang nicht öffentliche Überlegungen und Strategiekonzepte, die jedoch anhand der Spuren, die sie im Gutachten hinterlassen haben, lesbar werden; denn „zu vieles geschieht noch hinter verschlossenen Türen. Fragen des strategischen Vorgehens, das Ringen um ein gemeinsames Konzept oder Vereinbarungen „Runder Tische“ gehören in einer demokratischen Gesellschaft an die interessierte Öffentlichkeit.“ (filmerbe-in-gefahr)

Im Gutachten wird zwar erwähnt, dass „eine abschließende Erfassung des Bestandes nicht vorliegt“, ein Bestandskatalog im Aufbau sei. Dass der sehr viel Geld kostet, wird jedoch nicht gesagt. In der Kostenrechnung taucht die Erstellung des Katalogs nicht auf. Dazu müssen alle archivierten Filmbüchsen nicht nur geöffnet werden, um deren Inhalt zu prüfen, wie es gerade in der Kinemathek geschieht, man muss sie auch sichten und neu klassifizieren. Das ist der dickste Brocken für die Archive und eine zeitraubende, zuweilen auch schmutzige Arbeit. In einem „Zwischenbericht“ zum Stand der Digitalisierung des Filmerbes führt Simon Hauck eine Schätzung von Dr. Siegfried Fößel vom Fraunhofer- Institut in Erlangen an, der zufolge „allein in Deutschland ungefähr 200.000 Filmtitel eingelagert sind, mit einer Gesamtlänge von hochgerechnet gut 5 Millionen (!) Minuten Bewegtbild. Der Großteil davon sei seiner Meinung nach weder gesichtet noch klassifiziert.(**)

Die Kosten einer Digitalisierung des Kernbestandes, d. h. ohne Berücksichtigung der bisher überhaupt noch nicht erfassten etwa 1000 deutschen Privat- und Spezialarchive, beziffert Papenstein mit 473,9 Mio. €. Diese Summe entspricht weitgehend den 500 Mio. €, die bereits in der von über 5.500 Kulturschaffenden und Wissenschaftlern unterzeichneten Petition www.filmerbe-in-gefahr.de vom 26. November 2013 gefordert wurden.  Für die „Vorbereitung“ des Verfahrens, ergo den gesamten logistischen und bürokratischen Aufwand, bevor ein Film- Titel auf den Bearbeitungs- Tisch kommt, werden auf Seite 16 des PwC- Gutachtens pro Titel 800 € veranschlagt – insgesamt 129,6 Mio. €.  Das ist der zweithöchste Teilbetrag der von der PwC errechneten Gesamtkosten. Mit einer verbesserten Logistik und der Neuordnung der „Dienstwege“, vor allem beim Bundesarchiv, ließe sich diese Summe sehr wahrscheinlich erheblich reduzieren. Es könnte dann noch genügend Geld vorhanden sein,  um die Sichtung des Materials am Umrolltisch mit einer „quick&dirty“- Echtzeit- Digitalisierung (im HD-Format) zu verbinden. (***)

So entstünde ein moderner visualisierter Gesamtkatalog und damit die dringend  gebotene und endlich für alle Interessierten nachvollziehbare Bewertung des Kernbestandes:  Eine frei zugängliche digitale Handbibliothek des deutschen Filmerbes! Die Archivbänder oder M- Discs dieser Bibliothek sollten Bild und Ton der Film- Originale ausnahmslos in ihrem aktuellen Zustand, d.h. möglichst objektiv, ohne restaurative Eingriffe und Korrekturen z. B. des Farbstichs oder des Tons (mit Denoise-Filtern), dokumentieren und im Internet nur geschützt, d.h. mit eingebranntem Logo und/oder Wasserzeichen, zugänglich sein. Erst wenn es einen freien ZUGANG zum visualisierten Gesamtkatalog des Kernbestands im Sinne des auch von der deutschen UNESCO– Kommission geforderten OPEN ACCESS zu mit öffentlichen Mitteln produziertem Wissen gibt, kann man über die Auswahl einzelner Titel und deren digitale SICHERUNG und Restaurierung entscheiden. Alles andere mag zwar zu schnell vorzeigbaren Prestigeprojekten führen, wird aber, von der Filmwissenschaft her, und übrigens auch betriebswirtschaftlich gesehen, der dringend gebotenen Neubewertung des Kernbestandes nur im Wege stehen. Wenn man diesen Arbeitsschritt der klassifizierenden Bestandsaufnahme auslässt, etwa um das eifersüchtig gehütete Wissen der Archivare vor einem „Open Access“ abzuschirmen, kommt man zwangsläufig zu einer Auswahl nach Gusto, Prestige, Lobby, Filmlexikon und zufälligem Anglerglück. „Digitalisierung on Demand“ oder „Arche-Prinzip“ steht auf den Werbebannern dieser zu Recht kritisierten Praxis.

Im PwC- Gutachten (S.11) wird zwar erwähnt, dass Frankreich im Schnitt 54,5 Tausend € pro 90-Min. Film- Remastering ausgibt, Deutschland im Schnitt 20 Tausend €, es wird aber nicht darauf hingewiesen, dass dieser Unterschied auch dem nachhaltigen französischen Archiv-Konzept geschuldet ist: Jeder Rechteinhaber und Verwerter ist dort gesetzlich verpflichtet, von seinem Digitalisat eine vorführbare Archivkopie auf Polyesterfilm zu hinterlegen, die ohne Migration und unter einfachen Archivbedingungen über 100 Jahre haltbar ist.

Das PwC- Gutachten verzichtet ausdrücklich auf eine Schätzung der Folgekosten der digitalen Archivierung. Da heißt es auf S. 15 lapidar: „Pauschaler Ansatz 20 Mio. für die initiale Anschaffung von 100 PB.“ ( 1 Petabyte = 1000 Terabyte ) “Keine Berücksichtigung von Betriebskosten sowie der rund alle 7 Jahre erforderlichen Erneuerung der Speichertechnologie.“ Hier wäre eine Berechnung der zu erwartenden digitalen Langzeit- Speicherkosten (sog. Jahrhundertkosten)  sehr aufschlussreich. Es könnte sich dabei herausstellen, dass die unkomplizierte Archivierung auf Film zwar am Anfang sehr teuer, aber auf einen Zeitraum von 100 Jahren umgerechnet, auch bei stark sinkenden Kosten für die digitale Archivierung letztlich  billiger sein dürfte, von der archivarischen Sicherheit ganz zu schweigen. Hierbei ist aber auch zu berücksichtigen, dass die dramatisch schrumpfende Fabrikation von professionellem Filmmaterial diese sicherste aller Archivierungsmethoden zunehmend in Bedrängnis bringt. Ein Blick auf die Geschichte der Lithographie, die bis zu ihrem kommerziellen Ende um 1925 für die auflagenstarke Verbreitung von farbigen Bildern das allein herrschende Verfahren war, zeigt jedoch, dass auch eine sehr komplexe „obsolete“ Bild- Technik in kleinen Nischen durchaus eine Zeitspanne von 100 Jahren überleben kann. Für alle diejenigen, die den Film als künstlerische Technik gerade wiederentdecken, Kunsthochschulen, Cineasten, einzelne Film-Archive und andere „gallische Dörfer“, die sich dem Imperium widersetzen, wird voraussichtlich auf sehr lange Zeit noch ein zwar überschaubares aber ausreichendes Angebot von Film- Material auf Polyester- Basis, Chemikalien und kleinen spezialisierten Verarbeitungsbetrieben zur Verfügung stehen.

Das Bundesarchiv/Filmarchiv setzt, wenn wir von der Annahme ausgehen, dass in dem PwC-Gutachten bereits dessen neue offizielle Strategie sichtbar wird, für die Zukunft ganz auf das Digitalisieren und wird konsequenterweise, so kann vermutet werden, seine analoge Film- Kopieranstalt früher oder später schließen. Damit fügt sich die Abteilung Film einer übergeordneten Strategie des Bundesarchivs, dessen Direktor, Herr Hollmann, einen Papier-Tsunami auf sich zurollen sieht, der nur digital zu bewältigen ist.

Die brutal kommerzielle Denkweise der hinter dem Gutachten Stehenden offenbart ein Zitat, das dort auf S. 21 nachzulesen ist: „Es besteht Entscheidungsbedarf zu den zukünftigen Aufgaben und der Struktur der Archive: Umgang mit analogem Material nach der Digitalisierung: Aus Kostengründen ist hier mit Digitalisierung von Titeln parallel nur eine sehr selektive Archivierung zu erwägen. Für die Archive neben dem Bundesarchiv könnte eine Verschiebung der Aufgabenschwerpunkte diskutiert werden.“   Das heißt ja wohl im Klartext: Der überwiegende Teil der Bestände kann – mit oder ohne Sichtung und Klassifizierung – demnächst vernichtet werden. Das Film- Lager des Bundesarchivs in Hoppegarten würde wohl endgültig zum Filmvernichtungs- Lager. Nach dem strengen deutschen Sprengstoffgesetz ist das Bundesarchiv/Film in der Tat gesetzlich dazu verpflichtet, seinen Nitrofilm- Bestand nach und nach abzubauen. Diese gesetzliche Vorgabe hat man dort aber bisher nur sehr selektiv umgesetzt. In der Dienstanweisung 6.4 (Februar 2000) des Bundesarchivs ist zu lesen, dass z.B. das Kino vor 1920 und u. a. auch bestimmte Beispiele von frühen Farbverfahren von der Kassation auszunehmen sind. Das von einigen Mitgliedern der FIAF  (Fédération Internationale des Archives du Film)  länger schon sehr kritisch beäugte originaldeutsche Verfahren der Kassation von Film- Originalen, sollte es von seiner bisher in den meisten Fällen noch behutsamen Anwendung zum Film- Massaker, einem CINECID im Sinne des Papenstein- Zitats, mutieren, wäre allerdings mit einer weiteren Mitgliedschaft des Bundesarchivs/Film  in der FIAF, deren Code of Ethics ihren Mitgliedern jede Vernichtung von lagerfähigem Filmmaterial untersagt, endgültig nicht mehr vereinbar.

Da blicke ich lieber voller Respekt nach Amsterdam zu Eye, wo alle möglichen digitalen Formate mit dem Originalmaterial koexistieren. In Holland sind 20% des Filmbestandes bereits digitalisiert, in Deutschland lt. EU-Statistik nur 0,5%. Der Anteil der Digitalisate am audiovisuellen Kulturerbe, inkl. TV und Radio, liegt dort bei 80%. (****) Trotz der bekannten qualitativen Mängel des EYE- Konzepts sehe ich daher der geplanten europaweiten Normierung der Filmdigitalisierung für Archivzwecke mit gemischten Gefühlen entgegen – es sei denn, Dr. Siegfried Fößel, Heiko Sparenberg  und ihrem Team vom Fraunhofer-Institut  in Erlangen gelänge ein genial- einfaches offenes Format für die Archive (mit jpeg 2000- Komprimierung in zwei Qualitätsstufen). Immerhin haben sie dort „easy DCP“ geschaffen – die Alternative zum DCI- Kartell. Inzwischen zeichnet sich für den 35mm- Film als qualitativer Endpunkt der Entwicklung zu immer höher auflösenden Archiv- Formaten eine 6K- Norm ab, nach der der gesamte Filmstreifen inklusive aller darauf abgebildeten Ton- und Bildformate und auch der Randbeschriftungen als digitales Archiv- Mutterband (Master) gescannt wird. Dies Format wird bereits von der „Digital Heritage Service GmbH“ angeboten (1 Std. = 10,8 Terabyte 16 bit dpx): Alle Informationen bleiben erhalten, nichts geht verloren. Ultra HD, 4K- DCP und andere hochauflösende Formate lassen sich in voller 4K- Auflösung aus dem +6K- Archivscan erzeugen. Der auf diese Weise digital konservierte Film muss bei höheren Anforderungen an die Bildauflösung nicht erneut gescannt werden.

Es wäre sehr begrüßenswert, überaus rational und als ernsthafter Einstieg in die Bewältigung der großen Aufgabe der Rettung des Filmerbes zu würdigen, käme es schon ab 2016 zu der im PwC- Gutachten und von der FFA geforderten Bereitstellung von jährlich 10 Mio.€ –  zunächst für einen Zeitraum von 10 Jahren. Aus den oben vorgetragenen Überlegungen lässt sich ein Vorschlag ableiten, wie diese Summe aufzuteilen und zu verwenden wäre, könnte man sich in Ergänzung des PwC- Gutachtens auf das hier vorgetragene nachhaltige Konzept und ein entsprechend klar strukturiertes Verfahren einigen:   

In den ersten 3 Jahren sollten 70% der Mittel, also 7 Mio. € p.a., zur Erfassung des Kernbestandes (Bibliothek des deutschen Filmerbes) unter dem UNESCO- Siegel „Open Access“ verwendet werden,  die restlichen 3 Mio. € prioritär zur Sicherung und Restaurierung der vom endgültigen Zerfall akut bedrohten Filmoriginale. In den folgenden 7 Jahren würde sich dies Verhältnis umkehren. D.h. mit den dann für Sicherung und Restaurierung zur Verfügung stehenden 7 Mio. € p.a. würde eine breit angelegte digitale Sicherung und Restaurierung ausgewählter Titel anlaufen. Dieses „langsame“ Anlaufen der Kampagne entspräche auch einer realistischen Einschätzung des Zeitrahmens, den die Archive und filmtechnischen Betriebe für die Anwerbung und Schulung von Fachkräften, die Installierung aktueller +6K- Scanner- Technik und deren Peripherie sowie den Aufbau umfangreicher digitaler Archive benötigen. Ab 2018/19 werden auch die ersten Jahrgänge der in den neu geschaffenen deutschen Studiengängen ausgebildeten Film- Archivarinnen und -Archivare die Universitäten verlassen. In der zweifellos notwendigen Verlängerung des Projekts um mindestens weitere 10 Jahre und bei Einbeziehung der Folgekosten der Digitalisierung könnte sich das Verhältnis zwischen Zugangs- und Sicherungskosten bei etwa 15% zu 85% einpendeln. __________________________________________________________________________

*  s. z. B. Chris Wahl: „Aufgrund seiner Bestände eigentlich eines der bedeutendsten Filmarchive weltweit, ist das Bundesarchiv-Filmarchiv in der Realität leider eine totale Fehlkonstruktion ……. Der aktuelle Koalitionsvertrag sieht eine personelle und finanzielle Stärkung des Filmarchivs im Bundesarchiv vor. Was eigentlich nötig wäre, ist eine Ausgliederung“.

http://www.memento-movie.de/2014/10/wider-die-metropolisierung-des-filmerbes/

**      http://filmerbe-in-gefahr.de/page.php?0,521,135,#a135

***   http://shop.kameramann.de/sonderdruck-februar-2015-filmerbe

**** http://filmerbe-in-gefahr.de/page.php?0,710


Zwei Folien einer Powerpoint- Darstellung des Film- Historikers Dirk Alt, die wir hier zitieren dürfen, verdeutlichen die praktische Umsetzung des von mir vorgeschlagenen Verfahrens:

Für die Visualisierung des prioritär zu erstellenden „Handkatalogs des deutschen Filmerbes“ käme eine neue Generation von Filmbearbeitungstischen zum Einsatz, die auch fragile und beschädigte Filme in Echtzeit (im HD-Format) „quick&dirty“ scannen. Dies könnte z. B. im Bundesarchiv/Film parallel zu der alle zwei Jahre fälligen Revision der dort gelagerten Filmrollen geschehen. Die eigentliche Sichtung und Klassifizierung könnte dann auf verschiedene Teams von Wissenschaftlern an unterschiedliche Orte verteilt werden und zeitversetzt stattfinden.

Die zweite Folie zeigt die Entwicklung der unterschiedlichen Kosten für Zugang und Sicherung entsprechend der von der FFA geforderten Summe.  Dabei sind die Kosten für die Archivierung der Sicherungs- Digitalisate nur vorsichtig geschätzt. Sie sind in den 10 Mio. p. a. nicht enthalten.

 

 

Folie2

Folie4