Rezension „Bilder des Jahrhunderts“

Bilder des Jahrhunderts.
Staatliches Filmarchiv der DDR 1955-1990. Erinnerungen.

Herausgegeben von der DEFA-Stiftung. Berlin: Bertz+Fischer  2015,
372 Seiten, Abb. ISBN 978-3-86505-405-0, € 19,80

Eine Rezension von Dr. Dirk Alt

1955 gegründet, sammelte das Staatliche Filmarchiv der DDR (SFA) nicht nur die Filmproduktion des SED-Staates, sondern verwaltete auch die von der Sowjetunion rückübereigneten Teile der Überlieferung des ehemaligen Reichsfilmarchivs (RFA): einen zentralen Filmbestand zur deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dadurch war das SFA Anziehungspunkt für Filmverleiher, Sammler und Dokumentarfilmschaffende von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, zumal es zeitweise auch zu den modernsten Filmarchiven der Welt zählte: so sah etwa Gerhard Lamprecht, der Gründervater der Deutschen Kinemathek, im SFA „den größten meiner Wunschträume neidlos erfüllt“.

Der in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung erschienene Band Bilder des Jahrhunderts verschafft nun aus erster Hand Einblicke in die Geschichte und den Aufgabenbereich des SFA, das nach der Wende in der Abteilung Filmarchiv des Bundesarchivs aufging. Nicht nur das aus Eva Hahm, Hans Karnstädt, Wolfgang Klaue und Günter Schulz bestehende Herausgeberquartett ist dem SFA biographisch eng verbunden. Auch bei den über 60 weiteren Mitwirkenden, die Texte beisteuerten, handelt es sich um ehemalige Mitarbeiter, Partner und Benutzer des Archivs. Dass der Initiator des Bandes, der langjährige SFA-Direktor Wolfgang Klaue, seinen Co-Autoren keinerlei Zensur auferlegt hat (S. 13), erlaubt den hier versammelten Stimmen einen authentischen und nicht durch Rücksichtnahmen verwässerten Tonfall – politische Einfärbungen inbegriffen. Entstanden ist ein Erinnerungsbuch von immensem anekdotischem Werk – keine wissenschaftliche Gesamtdarstellung, die im Übrigen, wie Klaue einleitend ausführt, dadurch erschwert werden dürfte, dass „hierzu hinterlassenes Schriftgut … die Fusion mit dem Bundesarchiv leider nur in Fragmenten überstanden“ hat (S. 13).

Subjektivität und eine Fülle von Informationen sind somit die herausstechenden Eigenschaften des Bandes. Der Leser erfährt von den provisorischen Bedingungen der Anfangsjahre, in denen das Archiv laut Herbert Volkmann einem „Betrieb des Altstoffhandels“ glich (S. 53), und vom Kampf um den Archivneubau in Wilhelmshagen, der 1967 den beeindruckten Teilnehmern des FIAF-Kongresses in Ostberlin gezeigt wurde. Neben seltenen technischen Einblicken in den Kopierbetrieb oder den Ton- und Videotransfer der späten 80er Jahre werden wenig bekannte Teilaspekte der Archivgeschichte geschildert – so die dem SFA 1972-1986 angeschlossene Abteilung Staatliche Filmdokumentation (SFD), das seit 1972 erarbeitete EDV-Dokumentationssystem SOPS AIDOS der VEB Robotron Dresden oder das Archivfilmtheater „Camera“, ohne das, wie Holger Theuerkauf schreibt, „Buñuel, Bergman, Tarkowski, Murnau oder Schünzel … dieses Land nie erreicht hätten“ (S. 155). Als Tiefpunkt der Archivgeschichte berichtet Wolfgang Klaue vom Debakel um ein projektiertes, jedoch nie fertiggestelltes Filmbearbeitungsgebäude, dessen Bauvorbereitung drei Millionen DDR-Mark verschlungen habe – „ein trauriges Kapitel sozialistischer Planwirtschaft“ (S. 81). Abgerundet wird der Band durch einen Anhang, der u.a. eine sechsseitige Chronologie der Archivgeschichte, Gästebucheinträge prominenter Archivbesucher (Lamprecht, siehe oben) und Auswahlfilmographien von In- und Auslandsproduktionen enthält, die vom SFA mit Klammerteilen bestückt wurden. Insgesamt vermittelt die Rückschau der Beteiligten den Eindruck einer weitgehenden Entpolitisierung des SFA, das „eine ‚Oase‘ im komplizierten politischen Umfeld“ (S. 102) gewesen und stärker als von diesem Umfeld vom Engagement der Mitarbeiter bestimmt worden sei.

Dass viele Fragen offen bleiben bzw. nicht explizit gestellt werden, kann man der als Erinnerungsband konzipierten Textsammlung nicht negativ anlasten. Anreize für weitergehende Untersuchungen ergeben sich aus Sicht des Rezensenten vor allem hinsichtlich der folgenden drei Punkte: Erstens wird die Frage ausgespart, inwieweit das SFA auf den Pionierleistungen des RFA aufbauen konnte, die übrigens mit keinem Wort erwähnt werden, obwohl Günter Schulz etwa von der Weiternutzung von RFA-Lagerbauten und -Findmitteln berichtet. Ausgehend vom RFA, das – nicht nur, aber auch – der Verewigung der NS-Herrschaft dienen sollte, drängt sich zweitens die Frage auf, ob ähnliche ideologische Konzeptionen die Arbeit des SFA mitbestimmten. Dafür, dass dies der Fall gewesen sein könnte, gibt es verschiedene Anhaltspunkte, etwa die 1979 umgesetzte „Abgabeordnung“, die die Übernahme sämtlicher staatlicher Filmproduktionen ins SFA regelte und deren Anwendung es ermöglichte, 98 Prozent aller DEFA-Produktionen in die Gegenwart zu retten – eine im Vergleich mit der BRD hervorragende Überlieferungsbilanz – oder die Milieu- und Personenporträts der SFD, vor deren Kameras sich SED-Politiker in „Selbstzensur“ und „Parteidisziplin“ übten (S. 211). Drittens fehlt eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Ende des SFA, dessen Eingliederung ins Bundesarchiv auch heute noch kritisch hinterfragt wird – Chris Wahl, DFG-Heisenberg-Professor an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, bezeichnete diese Entscheidung 2014 etwa als „kulturpolitische Katastrophe“. Ähnliche Deutungen klingen auch in Bilder des Jahrhunderts an, wenn Eva Orbanz wehmütig an die „großartige Vorstellung“ Klaues erinnert, Deutsche Kinemathek und SFA nach der Wende zusammenzuführen (S. 273), oder Holger Theuerkauf bedauert, dass „der Traum eines gesamtdeutschen Filmarchivs an den Grundfesten der föderalen Struktur rüttelte und unterging“ (S. 156). Worin sich aber die Archivstrukturen des SFA von denen des Bundesarchivs unterschieden, wird leider ebenso wenig ausgeführt wie die Konsequenzen, die sich aus der archivgeschichtliche Zäsur des Jahres 1990 für das Filmerbe ergaben und bis heute ergeben.

Einige Exkurse persönlicher Art sind demgegenüber wenig ergiebig und wären verzichtbar gewesen. Zudem hätte ein strengeres Lektorat die (in Gänze unvermeidbaren) Redundanzen erheblich verringern können. Über die kurzweilige Lektüre hinaus ist das Verdienst der Herausgeber nicht nur darin zu sehen, dass sie die Erinnerungen der Beteiligten für die Nachwelt gesammelt haben, sondern dass ihre Publikation auch das Bewusstsein für die Bedeutung schärft, die die Archive für unser audiovisuelles Gedächtnis haben.

Die Rezension erschien ursprünglich in: Filmblatt Nr. 58/59 (2015/2016), S. 124-126.