Replik auf Stellungnahme

Dr. Rainer Rother, Martin Koerber, 24. Juli 2015

Replik auf Helmut Herbst „Neueste Nachrichten vom CINECID…“

Helmut Herbst ist uns als wichtiger Akteur des bundesdeutschen Autorenfilms, als Animator der unabhängigen Hamburger Filmszene, als Inspirator einiger Generationen junger Filmemacher und nicht zuletzt als Kenner und Liebhaber des frühen Films bekannt, dessen Rat wir schon oft bei der Bearbeitung entsprechender Bestände unseres Archivs in Anspruch genommen haben. Wir bewahren und verleihen seit Jahrzehnten seine Filme, zu seinem 70. Geburtstag (auch schon wieder über ein Jahrzehnt her!) haben wir seine Fotografien in unserem Museum präsentiert. Man kann ohne Einschränkung sagen, wir sind ihm freundschaftlich verbunden. Gerade vor diesem Hintergrund schmerzen uns seine seit ungefähr zwei Jahren hier und da publizierten Artikel zu filmarchivarischen Fragen, denn sie scheinen ohne jede Rückfrage bei denen entstanden zu sein, die sich hierzulande um die Bewahrung des Filmerbes bemühen.

Unter Überschriften wie „Rettet das Filmerbe!“, „Unser Filmerbe ist in Gefahr!“, „Wer hat Angst vorm Vinegar-Syndrom“ und nun „Neueste Nachrichten vom CINECID…“ sind unnötige Missverständnisse und sogar gänzlich irreführende Kommentare zu den Vorstellungen und den Leistungen der Archive kommuniziert worden. So findet sich noch heute, mit Bezug auf die von Helmut Herbst veröffentlichten und von der AG DOK in einer Broschüre verfügbar gemachten Artikel auf der Website der AG DOK die Behauptung, der Kinematheksverbund halte nur  „rund 500 Filme aus 120 Jahren deutscher Filmgeschichte (…) für wert, in die digitale Zukunft hinein gerettet zu werden.“ Abgesehen davon, dass dort der Kinematheksverbund falsch beschrieben ist als Zusammenschluss der „vier größten deutschen Filmarchive“, ist dieser Bezug auf die sogenannte 500er-Liste schlicht unsinnig. Die Polemik wäre verschmerzbar, wenn dem wenigstens eine Annäherung an die Fakten entspräche. Dies ist aber nicht der Fall.

Bei der für die FFA zusammengestellten Liste handelt sich weder um eine Liste der „besten“ noch der „wichtigsten“ – und schon gar nicht um eine Liste der überhaupt nur zu digitalisierenden Filme. Vielmehr bringt sie in das wirtschaftlich orientierte FFA-Programm „Digitalisierung von Content“ überhaupt erst ein eigentliches filmhistorisches Kriterium ein. Die von der FFA zugrunde gelegten Kriterien sind solche der Referenzförderung und können daher nur eine beschränkte Auswahl erfassen. Daher hat die FFA den Kinematheksverbund gebeten, zusätzliche Titel zu benennen, was zu der Liste geführt hat, wie sie heute vorliegt und wie sie von einer unabhängigen Jury jährlich überarbeitet wird. Auf dieser Liste sind also Titel versammelt, die a.) noch nicht digitalisiert wurden, b.) von keinem anderen Kriterium (wie Nominierung für den deutschen, den europäischen Filmpreis etc.) erfasst werden und die c.) von der Jury aufgrund der eingereichten Vorschläge als möglichst schnell zu digitalisierende Titel angesehen werden. Sie umfasst mittlerweile deutlich mehr als 500 Titel. Ziel der Liste, die ja einen „Service“ für die wirtschaftlich orientierte FFA-Förderung darstellt, war und ist es, filmhistorische Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. Ohne diese hätten z.B. Filme aus dem Rechtebestand der DEFA- und der Murnau-Stiftung und auch viele bedeutende Filme der letzten Jahrzehnte nicht von der Digitalisierungsförderung der FFA erfasst werden können. Dass die FFA in diesem so wichtigen Punkt auf den Kinematheksverbund zugegangen ist, sollte als ein Erfolg gewertet werden statt schlichtweg falsch als Beispiel für die „passive“ oder „restriktive“ Haltung des Kinematheksverbundes aufgerufen zu werden. Vorschläge zur Ergänzung der „500er-Liste“ sind willkommen, sie sollen explizit alle Perioden der Filmgeschichte und alle Formen des Filmerbes betreffen. Und sie sind an die FFA zu richten, die sie der Jury zugänglich machen wird.

Der alarmistische Ton der Beiträge von Helmut Herbst zur Diskussion über das Filmerbe kann einem ahnungslosen Leser schon Angst und Bange machen. Dies wäre nicht nur im genannten Beispiel völlig unnötig. Sehr wohl notwendig ist es aber, für die Digitalisierung des Filmerbes ebenso wie für die Garantie des Erhalts der analogen Überlieferung dieses Erbes eine filmhistorisch und archivalisch konsistente Haltung zu entwickeln. Wer in den Archiven arbeitet, wundert sich allerdings über das Bild, das der von uns sehr geschätzte Helmut Herbst zeichnet. Das betrifft leider auch seine Stellungnahme zu der von PWC im Auftrag der FFA vorgelegten Kostenschätzung zur Digitalisierung des Filmerbes. Wieder ist es so, dass hier Fehler hätten vermieden werden können, wenn Archive kontaktiert worden wären, wieder ist es so, dass haltlose Polemik die wirkliche Auseinandersetzung verhindert. Wir sind offen gestanden bestürzt von Helmut Herbsts „Neuesten Nachrichten vom CINECID“. Wie weit kann sich ein Autor versteigen, wenn er die vergleichsweise gut organisierte Bewahrung von Archivgut in Deutschland in dieser Formulierung mit Völkermord gleichsetzt und das  Bundesarchiv als ein „Vernichtungslager“ für Filme bezeichnet? Und tatsächlich: wieder müssen wir feststellen, dass vor der Abfassung des Textes niemanden in den betroffenen Instituten eine Rückfrage erreicht hat, die dem Text zu ein wenig mehr Realitätshaltigkeit hätte verhelfen können.

Aus Sicht der Deutschen Kinemathek wäre zu den vielen Mutmaßungen in diesem Text mindestens dies zu sagen:

Etwaige Pläne zur Zusammenlegung des Filmarchivs des Bundes mit der Deutschen Kinemathek sind den beteiligten Institutionen bisher nicht bekannt, daher können sie wohl auch nicht durch ein Gutachten, dass die Finanzierung einer möglichen Digitalisierung des deutschen Filmerbes zum Gegenstand hatte, obsolet werden. Dass „die für das Verfahren der Digitalisierung und Archivierung maßgebende Institution (…) ab jetzt das Bundesarchiv/Film“ sei, mag Helmut Herbst aus dem Gutachten herauslesen. Dies entspricht jedoch nicht der gemeinsamen Haltung des Kinematheksverbundes und damit auch nicht der seiner drei Vollmitglieder Bundesarchiv-Filmarchiv, Deutsches Filminstitut und Deutsche Kinemathek. Denn diese setzen sich für eine Digitalisierung, deren Ziel die Zugänglichkeit von Filmen ist, ein, und damit für Projekte, die von den Mitgliedern des Verbundes, aber z.B. auch den Rechteinhabern verantwortet werden. Dies wurde zuletzt auf der Sitzung des Koordinierungsrates des Kinematheksverbundes während der diesjährigen Berlinale einhellig beschlossen. Jegliche auf „Massendigitalisierung“ zielende Strategie entspricht nicht der vom Kinematheksverbund verfolgten Politik, weil mit ihr weder Fragen des Erhalts und der Sicherung des Filmerbes (die weitgehend analog erfolgen sollte) noch restauratorische Bemühungen (die von den Möglichkeiten digitaler Technik enorm profitiert) verbunden sind. Digitalisierung kann aber eben nicht auf das bloße Scannen des Ausgangsmaterials beschränkt bleiben.

Erstaunlich finden wir, dass sich Simon Hauck [1] auf eine Einschätzung des Fraunhofer-Institut beruft, um die Sichtung und Klassifizierung der in Archiven bewahrten Filmtitel zu bewerten und Herbst dies unhinterfragt anführt. Worauf Herr Fößel vom Fraunhofer Institut die Vermutung stützt, die Filme in den deutschen Archiven seien nicht gesichtet und  klassifiziert, bedürfte dringend der Erläuterung. Für die Archive des Kinematheksverbundes, also Bundesarchiv, Deutsche Kinemathek und  Deutsches Filminstitut, weisen wir diese Vermutung definitiv zurück. Wir wissen, was sich in unseren Büchsen befindet, und sie werden auch – nicht nur in der Deutschen Kinemathek, wie Helmut Herbst insinuiert –  regelmäßig inspiziert, damit uns konservatorisch nichts anbrennt. Dies ist übrigens auch die notwendige Grundlage für die in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, erfolgreich realisierten Restaurierungen – ohne Kenntnis der Materiallage in den verschiedenen Archiven wären diese nicht möglich gewesen. Dass es an Personal und Finanzen mangelt, um hier noch größere Erfolge zu erzielen, ist seitens der Archive immer betont worden. Nun aber zu behaupten, diese Archive wüssten eigentlich gar nicht, was sie haben, ist unredlich. Es sollte eher um die Frage gehen, wie dieses Wissen in noch mehr beeindruckende Restaurierungen umgesetzt werden kann.

Deutsche Kinemathek und Deutsches Filminstitut haben soeben das Modell für einen Bestandskatalog aufgebaut, das Bundesarchiv wird dem Vernehmen nach seine Bestände in naher Zukunft einspielen. Damit ist  die Basis dafür gelegt, dass ein umfassender Überblick über die gelagerten Filmmaterialien leichter als bisher geschaffen wird. Zugestanden sei, dass ein solcher Katalog nicht die Durcharbeitung der Bestände ersetzt, die gerade im Fall der Parallelüberlieferung auf Werthaltigkeit, Vollständigkeit, photographische Qualität etc. geprüft werden müssen. Das aber soll ja ein weit greifendes Digitalisierungsprojekt eben gerade ermöglichen.

Eine „quick and dirty“-Digitalisierung lehnen wir daher ab. Der Vorbereitungsaufwand, um Filmmaterial lauffähig zu machen und das geeignete Ausgangsmaterial auszuwählen wäre fast ebenso hoch wie für eine hochwertige Digitalisierung. Nur eine qualifizierte Auswahl von Filmen und Materialien sichert ein nachhaltiges Ergebnis, das Benutzern angeboten werden kann und werthaltig ist. Aus den gleichen Gründen stehen wir auch einer von Manchen favorisierten Massendigitalisierung ohne qualifizierte Materialauswahl, ohne filmhistorische Recherche und ohne filmtechnische Nachbearbeitung bis zu einem präsentablen Benutzungsstück ablehnend gegenüber. Ein solches Vorgehen würde in hohem Masse Mittel binden, ohne ein sichtbares Ergebnis zu liefern. Obendrein würde ein mit hohem Kosten zu
erhaltender Datenberg erzeugt, in dem die nächsten Generationen dann nach der Nadel im Heuhaufen suchen müssten, um die beste Version aus den zahlreich digitalisierten Parallelüberlieferungen zu fischen. Ein grundlegendes – und übrigens vom Vorsitzenden des Kinematheksverbundes auch deutlich angesprochenes – Problem des PWC-Gutachtens besteht darin, dass es einen beträchtlichen Teil der Mittel für Digitalisierungen vorsieht, die über einen Roh-Scan nicht hinausreichen. Dass hiermit etwas entstünde, was für „Nutzer“ brauchbar wäre, ist eine reine Chimäre. Denn diese könnten ebenso gut die analogen Materialien in gleicher Qualität sichten. Tatsächlich verbirgt sich hier aus unserer Sicht die Gefahr eines Paradigmenwechsels, den wir nicht wollen. Filmarchive haben die Aufgabe der Sammlung und dauerhaften Bewahrung von filmischen Materialien, die sie für die Öffentlichkeit zugänglich machen müssen. Diese Aufgabe besteht unverändert fort, damit auch die Herausforderung, die personellen und finanziellen Ressourcen zu ihrer Bewältigung zu sichern. Es ist ein  Irrtum, anzunehmen, man könne sich dieser Aufgabe qua Digitalisierung ohne weitere Bearbeitung entledigen. Das filmische Erbe ist – auch – ein Dokument und als solches wertvoll. Es ist aber kein „Vorgang“ im Sinne der Aktenüberlieferung. Die bloße Information darüber, wie in hierarchisch gegliederten Ministerien Entscheidungen vorbereitet wurden, mag im Sinne der historischen Forschung ausreichend sein. Bei filmischen Materialien handelt es sich dagegen immer auch um ästhetische Artefakte. Eine Zeichnung ist durch ihr simples Digitalisat nicht angemessen zu „erhalten“ – die Zeichnung des Lichts auf dem filmischen Material ebenso wenig. Hier wäre in der Tat die Unterstützung der Archive durch die Expertise von Kameraleuten, Regisseuren und Produzenten sehr hilfreich, um das Bewusstsein dafür, was filmisches Erbe ist, zu schärfen.

Die seit 2013 aufgelegten Digitalisierungsförderungen in kleinem Maßstab – in einer nicht zuletzt wirtschaftlichen Perspektive von der FFA aufgelegt, mit einem kulturellen Schwerpunkt versehen in den von der BKM zur Verfügung gestellten Mitteln – haben die Rechteinhaber, die filmtechnischen Betriebe und die Archive in die Lage versetzt, Erfahrungen dazu zu sammeln, was bei der Digitalisierung des filmischen Erbes auf sie  zukommt. Aufgrund dieser Erfahrungen setzen wir den Bedarf an Vorbereitung in den Archiven für die Auswahl der geeigneten Ausgangsmaterialien, hier verstanden als filmhistorische Bewertung, Materialrecherche nach bestgeeignetem Ausgangsmaterial und technischer Vorbereitung bis in die Reparatur der Klebestellen etc. mit 20% der
Gesamtkosten an. Vor diesem Hintergrund erscheinen uns die von Helmut Herbst kritisierten Vorbereitungskosten als keinesfalls zu hoch. Sie sind vielmehr der Preis, der anfällt, wenn man sich – selbst unter beschränkten finanziellen Ressourcen – das Ziel setzt, das Filmerbe nicht als bloße Information, sondern den physischen, analogen Film als schutzwürdiges Artefakt zu betrachten, zu bewerten und zu erhalten und in einem glaubwürdigen digitalen Faksimile abzubilden.

Open Access ist sicherlich ein hohes Ziel, dem auch wir uns verpflichtet fühlen. Die Deutsche Kinemathek hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Plattformen in kuratierten Angeboten Filme online verfügbar gemacht. Immer dann, wenn es dabei um Rechte Dritter ging, ist dies in Abstimmung mit den Rechteinhabern erfolgt. Wir setzen das sicherlich fort, so wird im Herbst 2015  unser Portal dffb-archiv.de freigeschaltet, in dem wir die Geschichte der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin thematisieren und mit zahlreichen Filmbeispielen hinterlegen. Auf breiter Front ist Open Access in den Filmarchiven – eine großzügige Finanzierung vorausgesetzt – jedoch auch auf längere Sicht wohl nur für den Teil des Filmerbes zu erreichen, der verwaist, der in  öffentlichem Besitz ist oder für den Rechteinhaber dieser Form der Präsentation zustimmen. Das Urheberrecht ist ein hohes Gut und die Kooperation zwischen Archiven und Produzenten ist es ebenso. Open Access wird also die Ausnahme bleiben und umfangreiche Verabredungen mit den Rechteinhabern erfordern, so lange Filmerbe Teil von Verwertungsketten bleibt – was noch für viele Jahrzehnte zu erwarten ist. Anstatt darüber zu klagen sollte man übrigens nicht vergessen, dass die Verwertungskette für viele Filme  überhaupt erst den Weg in eine Restaurierung und eine neue Sichtbarkeit eröffnet. Rechteinhaber und Filmarchive können hier Bündnispartner sein und sind es in vielfältiger Weise schon heute.

Wir begrüßen also, dass die FFA ein Gutachten zur Finanzierbarkeit der Digitalisierung von Filmerbe auf breiter Front in Auftrag gegeben hat. Wir freuen uns darüber, dass das Gutachten die Annahmen des Kinematheksverbunds zum erwartbaren Finanzbedarf bestätigt hat. Wir begrüßen dabei vor allem, dass unsere Vorstellung Gehör gefunden hat, nicht nur so genannte Spitzenwerke zu digitalisieren, sondern vielmehr von Beginn dieser uns über Jahre beschäftigenden Aufgabe an die Digitalisierung des Filmerbes als einen Prozess zu begreifen, der in einem ausgewogenen Verhältnis Auswertungschancen, konservatorische Bedürfnisse (Materialzerfall) und kuratorische Interessen bei der Filmauswahl  berücksichtigt. Es sollte unstrittig sein, dass „Filmerbe“ mehr umfasst, als nur berühmte abendfüllende Spielfilme. Dass zu ihm der dokumentarische Film ebenso zählt wie Beispiele des Kinderfilms oder die Experimente der Avantgarde. Es sollte auch Einverständnis darüber zu erzielen sein, das es Filme gibt, die z.B. aufgrund ihrer regionalen Bedeutung zum Korpus der zu digitalisierenden und damit wieder zugänglich zu machenden Titel gehören. Aus unserer Sicht gehört es zu den großen Erfolgen der Anstrengungen des Kinematheksverbundes, dass unser „Drei-Säulen-Modell“, das die Trias der Interessen (wirtschaftliche, konservatorische, kuratorische) beschreibt, in genau dieser Hinsicht auch im PWC-Gutachten übernommen und dort zudem die Kriterien wie von uns angestrebt bestätigt wurden. Mit diesem Modell ist erreicht, dass sich zukünftig die Digitalisierung des Filmerbes tatsächlich auf die gesamte Fülle von Genres und filmgeschichtlichen Epochen beziehen wird.

Wir finden es sehr verständlich, dass die Perspektive so weit wie möglich gespannt werden soll, wenn als Zielvorstellung eine möglichst alles umfassende Digitalisierung ausgerufen wird. Wir geben jedoch auch zu bedenken, dass mit dem „Drei-Säulen-Modell“ und den ihm unterlegten Kriterien etwas erreicht wäre, was über die bisherigen, in anderen Ländern erprobten Digitalisierungsprogramme hinausweist. Nämlich ein Programm, in dem fiktionale, dokumentarische, experimentelle Filme, in dem ästhetisch innovative ebenso wie Erfolgsfilme, einzigartige Aufnahmen kultureller Bedeutung ebenso wie singuläre formale Realisierungen unter der einzigen Bezeichnung zusammen gefasst werden, die ihnen gebührt: denn das ist das filmische Erbe, das wir zu pflegen und zu präsentieren haben.

In einigen Punkten hat sich  aus unserer Sicht das Gutachten von PWC weit über den Prüfauftrag hinaus – der ja lediglich auf eine Kostenschätzung der Digitalisierung des Filmerbes zielte – vorgewagt und dabei die institutionelle Tektonik der Filmüberlieferung in Deutschland sowie die Erhaltung des physischen Materials zur Debatte gestellt. Erstere ist bislang im Bund-Länder-Vertrag über den Kinematheksverbund geregelt und dieser bleibt für uns die Grundlage der Zusammenarbeit. Letzteres – also die angedeutete Perspektive einer Kassation analoger Materialien (nach vollständigem Abschluss der Digitalisierung des Filmerbes) betrachten wir als eine irregeleitete Position. Solcher Vandalismus wird sicherlich nicht unsere Unterstützung finden. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass auch in diesen Fragen nicht ideologisch, sondern mit Augenmaß und Sachverstand weiter geredet werden wird und freuen uns auf die Debatte.

In dieser Debatte wünschen wir uns Verbündete, die mit uns sprechen, bevor sie glauben, für uns in die Bresche springen zu müssen. Der Erhalt und die auch zukünftig mögliche Präsentation des filmischen Erbes sollte das Ziel sein, dem wir uns alle verpflichtet sehen. Die Archive betrachten Rechteinhaber und filmtechnische Betriebe dabei durchaus als Verbündete, es wäre zu wünschen, dass alle filmhistorisch Interessierten sich ebenso in diesem Sinne engagieren. Gern kämpferisch, auch polemisch, so es dem Temperament entspricht. Aber bitte doch auch: auf der Höhe der verfügbaren Information und nicht deutlich darunter, im Sinne einer langfristigen Perspektive und nicht bloß einer „Lösung“ auf sehr begrenzte Zeit.

Lieber Helmut Herbst: Es stimmt, um das Filmerbe könnte es besser bestellt sein. In jeder Hinsicht wären mehr Ressourcen wünschbar, ja notwendig. Ist Besserung in Sicht? Wir hoffen, ja. Sollte da nicht eine gemeinsame Haltung zwischen uns erreichbar sein? Wir denken schon. Aber doch nicht auf der Basis einer aus Vermutungen und Vorurteilen gespeisten Haltung gegenüber „den“ Archiven. Sehen Sie das nicht auch so?

Dr. Rainer Rother
Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek
Museum für Film und Fernsehen

Martin Koerber
Leiter des Filmarchivs der Deutschen Kinemathek
Museum für Film und Fernsehen