Replik auf „Die Digitalisierungsfalle“

von Jean-Pierre Gutzeit (Kinomuseum Berlin e.V.)

Warum wird der traditionelle analoge Weg nicht genutzt, sondern als überholt empfunden?

Nichts gegen analoge Sicherungspakete nach Digitalisierungen von Ausgangsmaterialien, wenn sie dem Langzeiterhalt dienen – in USA seit langem anerkannt. Germany und die EU gehen dagegen unverständliche Wege. „Besser“ übrigens wird das Digitalisat auch nicht nach Rückbelichtung auf Film, auch wenn Sie damit dem Erhalt des Filmbandes eine Nische verschaffen möchten.

[…] Vorrangig erscheint mir […] der Wiedereinsatz des Gros an brauchbaren Negativen zur erneuten traditionellen Umkopierung (sofern einheitliches, nicht gemischtes Material vorliegt und die Schrumpfungsgrade […] kompensiert werden können). Diese Verfahren waren und sind noch heute, wenn man sie nicht durch Länderbeschluss abschafft (obwohl Sie in Ihrem Artikel dabei von nicht zielführenden Ansätzen der „Analog-Nostaliger“ sprechen), einfache und auf lange Zeit kostengünstige Methoden gewesen, um Inhalte zerfallender Negative fast vollständig zu transferieren.

Sie irren m.E. in Ihrem Artikel, insofern Sie der optischen Kopierung oder der Nasskopierung, die jahrzehntelang hervorragende Ergebnisse lieferten, Nachteile nachsagen, da Ihrer Information nach nur im Scan-Vorgang die vollwertigen Werte des Negativs erfasst würden. Dem ist so nicht, da auch im Scanner die optischen Zwischenelemente zu Verlusten führen.

Die analoge Herstellung eines Interpositivs kann mehr als 95% aller wichtigen Parameter einer Negativs abspeichern: Schärfe, Farbraum, Gradationen etc. Das Auflösungsvermögen der Intermediates liegt dreifach über dem des Aufnahmenegativs. Im Falle allerdings durch Kerbenschaltung beeinträchtigter älterer Negative lassen diese sich dann immerhin noch über die Schmitzer-Kopierung (z.B. bei Umdrehen der Masken usw.) auch “rückwärts” kopieren.

Leider zeigt sich beim Scannen, insbesondere von Farbnegativen, dass das Ergebnis farblich verlustbehafteter ist und die Farbbalance zusammenbricht. […] Ich kenne kein Beispiel eines gescannten Farbnegativs, das den D.I.-Prozesse durchlief, mit Vorteilen gegenüber einem analog erstellten Interpositiv (gescannte Interpostive hinwiederum haben sich als authentischer erwiesen). Auch lag der Kostenfaktor der Digitalisierung bisher zehnfach höher als der der langzeitfähigen Analogkopierung. Allenfalls mit  den Ergebnissen des Scannens von Schwarzweiss-Negativen stellt sich relative Zufriedenheit ein.

Das analoge Schärfeverhalten des Bewegtkorns gehorcht im Übrigen ebenfalls anderen Parametern als die Bildkonstituierung durch Raster- und Panelsysteme.

Wie schon vor 15 Jahren gefordert, hätte man die Kosten des Interpositiv-Materials noch weiter drücken können, denn durch Massenaufträge zur Umkopierung von Negativen würden in Interpositiven auch für spätere Digitalisierungsaufträge auf preislich sinkenden Abtastern und Scannern hochwertige Ausgangsmaterialien vorliegen, die gleichzeitig und selbst ohne Datenmigration auf hunderte von Jahren haltbar sind.

[…] Folglich wurden 500 Millionen EUR für komplett fragwürdige Transfer- und Verwertungsmethoden beantragt. Leider nicht für einen sinnvollen Kopierauftrag von Filmbandoriginalen, sondern für mehr oder weniger komplexe Digisate, die mit oder ohne Artefakt-Korrekturen oder Grading auskommen und fast immer keinen Weg zurückebnen zu filmischen Originalen.

[…] Inwiefern derzeit das ganze Filmerbe plötzlich untergeht, […] ist nur am Einzelfall nachweisbar. Ein Verfall ist sicher nicht vollständig zu stoppen oder exklusiv an speziellen Dezennien oder 2015 festzumachen. […]

Die jüngst mantra-artig einforderte Zugänglichkeit von Filmen wurde eigentlich über Jahrzehnte wie selbstverständlich an den Filmtheaterbesuch gekoppelt, für die sie zumeist produziert wurden. Mit Verwerfung des mit der Kinobranche verbundenen Knowhows steht wieder einmal die gesamte Technologie unter Beschuss. Fatalerweise darf man annehmen, dass trotz digitaler Anpassungs-Chancen, künftig gerade die Filmtheaterbranche ihrer arteigenen Produktionsmittel beraubt ist, nachdem sie Technologien aus der Fernsehindustrie und der Elektronik-konzerne adaptierte, mit deren Vertriebswegen und Download-Strategien sie auf lange Zeit nicht mehr mithalten wird.

[…] Im Gegensatz zu Kulturbranchen, in denen der Erhalt oder Nachbau bspw. Von historischen Musikinstrumenten als selbstverständlich gilt, gelten in der Filmbranche keinerlei Maßstäbe und Werte ausser kurzzeitigen Erfolgen. Mit Musikinstrumenten scheint der Erhalt des Erbes einfacher definierbar zu sein: hier ist man mit historischem Material praktisch und solistisch ausgerichtet, dazu mobil und wird schnell interaktiv. Mit immobilen Projektionsausrüstungen und Filmkopierwerken fühlt sich offenbar der Kinemathekenverbund überfordert. Seit jeher kennt man es von Filmkuratoren selten besser: dem Joch und der Plage der Technik möglichst entfliehen zu wollen.

Dieser Vorwurf ist nun Ihnen und Herrn Kothenschulte sicher zuletzt zu unterstellen, da Sie die Vorgänge hinterfragen. Allerdings hinterfrage ich die Schuldzuweisung ans Bundesarchiv, das nach den Bränden in Breitenstein gesetzlich zu Kassationen verpflichtet wurde. Mehr als die Deutsche Kinemathek oder etwa das Filmmuseum München hält gerade das Bundesarchiv an analoger Lagerung und Sicherheits-kopierung fest. Erst eine wachsende Öffentlichkeit und eine bessere finanzielle Ausstattung des Bundesfilmarchivs könnten zu einer Novellierung in der Frage des Umgangs mit Nitrofilmen führen, insofern ist natürlich Ihr Ansatz richtig und löblich.

[…] Nachdem die Büchse der Pandora nunmehr geöffnet wurde, dreht es sich fortan um Exklusivaufträge, um Geld und um die Frage, wer bestimmt das Meinungsbild in der Kinematheken–Landschaft? Will man also im Geschäft bleiben, macht man sich am besten zum Vertriebspartner von Digitalisaten. Oder zum Subventionsempfänger von Kulturfonds, die alle sehr innovativ klingen müssen. Schließlich konstruiert man ggf. ein Krisenszenario, um weiterhin die Verfügung über Filminhalte und die Deutungshoheit über die Filmgeschichte abzusichern.

Ich spitze hier die Debatte zu, weil sich auch einiges an Unverfrorenheiten angesammelt hat. Direkt als Replik auf erlebte Polemiken am Potsdamer Platz: Dabei sei es doch müßig zu streiten, so Herr Koerber von der SDK, warum der Erhalt des Films und Kunstwerks unbedingt am Material des Filmträgers haften müsse.

Ich meine, dass nach wie vor analoge Filmkopierung, auch für gelungene Beispiele einer Filmtheaterauswertung, technisch und qualitativ Sinn macht. Auch handelt es sich nicht allein um Technologie, sondern um eine Kulturtechnik. Wir werden die Imaginationen und Emotionen, die vergangene Generationen in Filmtheatern oder bei Premieren erlebten, immer schwerer nachvollziehen können, wenn wir Funktionsweisen der Kamera-Technik und der daraus folgenden Stile, aber auch die differenzierten Performationskulturen der an Film gekoppelten Filmtheaterbetriebe nicht verstehen lernen.

Eingedampft auf Online-Portale und seiner Materialität enthoben, können keine Verständnisdifferentiale erwachsen.