Na dann priorisiert mal schön

von Helmut Herbst

Vier Jahre nach dem Beginn der öffentlichen Debatte über den Umgang mit dem deutschen Filmerbe scheint hierzulande immer noch die Sichtweise der Filmarchive die Diskussionsrunden zu beherrschen. Dabei dürfte es nach den zuletzt immer realistischeren Einschätzungen des Arbeitsumfangs einer digitalen Sicherung auf Magnetbändern und/oder analog auf Polyesterfilm doch längst allen klar sein, dass die Archive auf diese Weise nur einen Bruchteil des infrage kommenden Materials retten können. Denn vor allem die auf Azetat-Unterlage gedrehten Filme können sich – je nach Erhaltungszustand – in den kommenden Jahren in einem chemisch nicht zu steuernden Prozess in klebriges, nach Essig stinkendes Gallert verwandeln. Eine vorschriftsmäßige Lagerung kann diesen Prozess dramatisch verzögern aber nicht endgültig abwenden. Unsere Azetat-Filme aus den 50iger bis  90iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind endlich, und wir haben nicht unendliche Zeit und Mittel für Ihre Sicherung.

Selbst, wenn jetzt der Umkopier-Etat der Filmarchive vervierfacht werden sollte – mehr scheint aus logistischen Gründen kaum möglich – werden die Archive den Wettlauf mit der Verfalls-Zeit der Azetat- Filme verlieren. Da sie das längst wissen, haben sie sich um das Banner mit der Aufschrift „Priorisierung“ versammelt und plädieren für Listen mit den wichtigsten Filmen, einer Art „Reader‘s Digest- Fassung“ der Filmgeschichte, die zuerst abgearbeitet werden sollen. Diese der Nachwelt als Filmerbe präsentierte Fassung unserer Filmgeschichte ist spätestens dann, wenn auch der letzte Originalfilm  zerfallen sein wird, nicht mehr korrigierbar. Was die noch lebenden Urheber dieser Filme  von diesen Überlegungen halten, spielt kaum eine Rolle. Ihnen, den Filmmachern, werden bei einer Digitalisierung und Restaurierung z. B. von der Kinemathek vertragliche Bedingungen für die Auswertung auferlegt, die praktisch einer Enteignung gleichkommen.

Unter den unabhängigen Filmmachern wächst inzwischen die Gruppe derjenigen, die es leid sind, auf die seltene Ehre einer Priorisierung zu warten und die Sache selbst in die Hand nehmen. Möglich macht dies der Preisverfall bei den großen Scannern wie auch die Entwicklung sehr preiswerter kleiner Scanner für alle Formate, die zwar langsam laufen, dabei aber die gleiche Qualität liefern wie große Scanner. Auch mobile Systeme sind geplant, die in einen Kleinbus passen und die vielen kleinen privaten Archive versorgen, die es immer noch bei uns gibt. Die gescannten Filmoriginale sollten unter der Obhut des Bundesarchivs zentral eingelagert werden. Doch genau an dieser Frage droht ein solches Projekt zu scheitern. Das Bundesarchiv hat in seinen Azetat-Lagern keinen Platz mehr. Für die Übernahme der noch in kleinen öffentlichen und privaten Archiven lagernden Filmoriginale könnte aber noch einmal die Hälfte der bisherigen Lagerfläche benötigt werden.

Wie das Kaninchen auf die Schlange starren alle auf die kostspielige  Digitalisierung und Restaurierung von nach dem „Arche-Prinzip“ zur Sicherung auszuwählenden  Filmen. Dabei wird übersehen, dass die digitale Revolution inzwischen neue, überraschende Problemlösungen bereithält. Die aber verlangen den Archivarinnen und Archivaren ein radikales Umdenken und die Neuorganisation ihrer Arbeit ab  –  einen wahrscheinlich unvermeidbaren Paradigmenwechsel.  Für die Visualisierung des prioritär zu erstellenden „Handkatalogs des deutschen Filmerbes“ käme z. B. eine neue Generation von Filmbearbeitungstischen zum Einsatz, die auch fragile und beschädigte Filme in Echtzeit (im HD-Format) scannen können. Die eigentliche Sichtung und Klassifizierung, die Grundlage für die Entscheidung, einen Film zu sichern bzw. zu restaurieren, könnte dann zeitversetzt an die Spezialisten unter den Filmhistorikern weitergegeben und auf verschiedene Teams an unterschiedlichen Orten verteilt werden. Dieser Vorschlag würde die Rettung des Filmerbes mit der Schaffung eines breiten Zugangs eröffnen, einem OPEN ACCESS zu mit öffentlichen Mitteln produziertem Wissen, wie er von der UNESCO schon länger gefordert wird. Die Sicherung und Restaurierung würde sich in dieser ersten Phase auf akut vom Zerfall bedrohte Filme beschränken. Um ein effektives Gemeinschaftsprojekt zur Rettung des Filmerbes zu schaffen, muss die monopolartige Vorherrschaft des Closed-Circle-Systems der Filmarchive aufgegeben werden. Es gilt, alle Ressourcen für die Jahrhundertaufgabe auszuschöpfen.

Alexander Horwarth, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, plädierte kürzlich in der FAZ für eine Sicherung des Filmerbes auf (Polyester-) Film und die Erhaltung und Pflege der damit verbundenen Technik: „Film ist nicht nur Inhalt und Material, sondern auch eine Kulturtechnik.“ Dass ein Filmmuseum das ganze Ensemble aus Filmstreifen, Aufnahmekameras, Filmprojektion und Kino-Raum präsentiert, ist eigentlich selbstverständlich, besonders wenn es um die Kindertage des Kinos geht. Aber die deutsche Filmwissenschaft interessiert sich nur mäßig für das Zusammenwirken von technischer und ästhetischer Innovation. Es gibt sie immer noch: Die Filmgeschichte als Wurmfortsatz der Literaturgeschichte. Im Gegensatz zu ihren angelsächsischen Kollegen betreiben deutsche Filmwissenschaftler kaum filmtechnische Basis-Forschung. Es gibt z. B. niemand, der sich die erste sagenhafte Serie der Meßter- Projektoren einmal genauer angeschaut hätte. Das überlässt man gerne englischen Kollegen.

Diese mangelhafte Wertschätzung der technischen Basisforschung findet sich auch in den Hierarchien der Archive wieder. Jemand, der dort Filmgeräte sammelt  und betreut, wird in der Regel schlechter bezahlt als jemand, der das mit Filmplakaten macht. Wie aber kann man Alexander Horwarths Forderung nach einer Präsentation der Kulturtechnik Film als historisches Zusammenwirken technischer und filmästhetischer Innovation erfüllen, wenn es kaum jemand gibt, der davon eine Ahnung hat? Bezeichnenderweise ist auch der Koordinator und Sprecher des Kinematheksverbundes ein Filmtechnik-Laie. Eine Vision, die für die unterschiedlichen filmhistorischen, filmtechnischen und logistischen Probleme eine gemeinsame Lösung zur Rettung des gesamten Filmerbe-Bestandes vorschlägt, existiert hierzulande nicht.

Na dann priorisiert mal schön !

Vorgetragen im Namen Helmut Herbsts von Daniel Kothenschulte anlässlich des Symposiums „Das NRW-Filmerbe – Archivierung, Digitalisierung und Veröffentlichung“, das am 26. / 27. April 2017 in Köln stattfand.