Mit Tabea Rößner: Ein Besuch im Archiv Grünes Gedächtnis (DA)

Was haben Filmgeschichte und Parteiengeschichte miteinander zu tun? Um diese fragliche Schnittmenge zu ermitteln, besuchten wir gemeinsam mit MdB. Tabea Rößner, deren Engagement für das Filmerbe unseren Lesern bekannt sein dürfte (andernfalls: siehe hier), das an der Heinrich Böll-Stiftung angesiedelte Archiv Grünes Gedächtnis im Berliner Bezirk Pankow . Das Archiv sammelt Dokumente aller Art nicht nur zur Geschichte der Partei Bündnis 90 / Die Grünen, sondern auch zu sozialen Bewegungen aus deren Umfeld wie – natürlich – der Friedens-, Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung (sogenannte Neue Soziale Bewegungen).

Tabea Rößner (links) und Wiebke Winkler in einem Magazin des Archivs Grünes Gedächtnis

      

Wir haben schon mehrfach auf ein Missverhältnis hingewiesen, das die Filmerbe-Debatte kennzeichnet: nämlich das erdrückende Gewicht des Spielfilms gegenüber dem nichtfiktionalen Film, der vor allem für unser geschichtliches Bewusstsein – siehe unser Bericht zur Berlinale 2018 – eine prägende, inzwischen möglicherweise sogar konstitutive Rolle spielt. Das gilt nicht nur für in die in immer weitere geistige Ferne entrückte Zeit der Weltkriege, sondern auch für die bundesrepublikanische Parteiengeschichte. Es liegt auf der Hand, dass sich in den Parteien und ihrem Umfeld große Mengen audiovisuellen Materialien zu werbenden und dokumentarischen Zwecken angesammelt haben. Wie es um die Archivierung und Zugänglichmachung dieses Materials bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt. Diese Frage führte Tabea Rößner am 7. November 2018 in das Archiv Grünes Gedächtnis, dessen Leiterin Wiebke Winkler Einblicke in den Sammlungsbestand gewährte.

Auf einer Magazinfläche von 5.200 Regalmeter bewahrt das Archiv Grünes Gedächtnis die Aktenhinterlassenschaft der Vorstände, Geschäftsstellen und Fraktionen der Partei auf Länder- und Bundes- sowie auf europäischer Ebene, ferner Vor- und Nachlässe bedeutender Akteure der Partei oder ihres Umfeldes sowie parteinaher Initiativen und Bewegungen. Daneben bestehen eine auch „graue Literatur“ umfassende Präsenzbibliothek und eine Objektsammlung mit Transparenten und zum Teil exotischem Wahlkampfmaterial (Blumensamen!). Die audiovisuellen Bestände der Sammlung spiegeln die medialen Umbrüche ihrer Entstehungszeit wieder: Von 35- und 16-mm-Filmen über VHS, Betakassetten und Tonbänder bis hin zu digitalen Formaten ist alles vorhanden, darunter etwa Film- und Tonmitschnitte von Parteitagen und Fraktionssitzungen und der Privatfilmnachlass von Petra Kelly. Eine aktive Sammlungspolitik in größerem Umfang scheitere allerdings an personeller Knappheit (das Archiv beschäftigt zurzeit sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie eine Praktikantin auf sechs Vollzeitstellen).

Wie weit die Qualität, dem jeweiligen Medium und der Überlieferungsgeschichte entsprechend, auseinanderklafft, demonstrierte Wiebke Winkler anhand der Digitalisate zweier Wahlwerbespots. Der erste entstand anlässlich der Bundestagswahl 1983 und warb mit einem humorvollen Szenario und freundlichen Erläuterungen durch Hoimar von Ditfurth für „atomwaffenfreie Zonen“. Vorlage des Digitalisates war eine gut erhaltene 16-mm-Kopie. Plump nahm sich dagegen der Spot zur Volkskammerwahl 1990 aus, der elegische Naturaufnahmen mit dem Schlager „Unsere Heimat“ unterlegte; miserable Bildschärfe und verwaschene Farben zeugten davon, dass hier nur noch eine VHS als Vorlage zur Verfügung gestanden hatte.

Die Wahlwerbespots der Partei, so erläuterte Winkler, seien bereits vor längerem vollständig digitalisiert worden. Allerdings befänden sich die Digitalisate noch auf externen Festplatten und seien aufgrund der Dateigrößen noch nicht auf den hauseigenen NAS-Server übertragen worden. Auf diesem NAS-Server ruht das digitale Archiv des Grünen Gedächtnisses. Ein Konzept zur digitalen Langzeitsicherung, d.h. zum Aufbau eines OAIS-konformen Digitalen Archivs, werde derzeit entwickelt, erklärte Winkler. Auf Nachfrage von Tabea Rößner bestätigte sie, dass die Ausgangsmaterialien auch nach der Digitalisierung erhalten blieben; Ausnahmen bildeten VHS-Kassetten, die in der Regel nicht als archivfähiges Trägermedium betrachtet und daher nur in Ausnahmefällen erhalten würden. Für audiovisuelle Archivalien, die als archivwürdig bewertet wurden, werde eine Digitalisierung angestrebt, da andernfalls auch keine Nutzung möglich sei. Winkler bezeichnete die Digitalisierung als Teil des Bestandserhaltungskonzepts für die audiovisuellen Materialien, räumte jedoch ein, dass es hier große Bearbeitungsrückstände gebe. In Ausnahmefällen würde eine Digitalisierung on-demand vorgenommen.

Als größte Nöte des Archivs nannte Winkler die Knappheit von Platz und Ressourcen: immerhin sind derzeit 97 Prozent der verfügbaren Magazinfläche mit Archivalien belegt. Die audiovisuellen Materialien, überwiegend in Schriftgut-geeigneten Archivkartons verstaut, machen dabei nur einen kleinen und, wie Winkler betont, besonders bearbeitungsintensiven Teil des Bestandes aus.

Dirk Alt, Wiebke Winkler, Tabea Rößner (Foto: Anne Wagner)

Wenn auch quantitativ unbedeutend, so lässt die audiovisuelle Überlieferung im Archiv Grünes Gedächtnis erahnen, wie viel für die bundesrepublikanische Geschichte relevantes Material in Parteiarchiven und verwandten Sammlungen vorhanden ist. Sollten im Rahmen eines nationalen Aktionsplanes zur Sicherung des Filmerbes nicht auch diese Bestände berücksichtigt werden – und sei es unter Beschränkung auf Analogfilm-Artefakte?