Interview Harald Brandes

Am 9. September 2013 führten der Filmjournalist Daniel Kothenschulte und ich in Koblenz ein etwa dreistündiges Interview mit Harald Brandes, der 25 Jahre lang  verantwortlich für die Filmtechnik des Bundesarchivs war,  von 1990 bis Ende 2003 als verantwortlicher Referatsleiter.  Dieses Gespräch, in dem Harald Brandes präzise und freimütig  –  „ich werde mir nicht nur Freunde damit machen“ – auf unsere Fragen antwortete, hat Daniel Kothenschulte in voller Länge auf einem kleinen Audiorekorder aufgezeichnet.

Kurz nach dem Interview wurden ihm bei  einem Einbruch alle Festplatten und Audiogeräte gestohlen.  Unter den wenigen Dateien, die von einem gelöschten Chip jetzt wiederhergestellt werden konnten, ist das Kernstück  dieses Interviews, ungekürzt 74 Minuten nachzuhören am Ende dieses Artikels.

Um die wichtigsten Informationen  auch für weniger geduldige Hörer und Leser zugänglich zu machen,  hat im Folgenden Dr. Dirk Alt daraus 4 kurze Audio-Clips angefertigt und ihnen einige Zitate in Textform beigefügt.

Birkert, den 26.09.2015 Helmut Herbst


 

Transkript Brandes Interview Clip 1:

 

2013 gingen Meldungen durch die Presse, denen zufolge das Bundesarchiv-Lager in Berlin-Wilhelmshagen nur noch mit Gasmasken betreten werden könne. Harald Brandes äußert sich zu den vermutlichen Ursachen und zum Krisenmanagement des Bundesarchivs.

Ab 8:33:

HH: Sagen Sie mal, was ist eigentlich an diesen Schreckensmeldungen, die im Frühjahr [2013] durch die Presse gingen, dran, dass die Mitarbeiter der Archive in Wilhelmshagen, also dem Farbfilmarchiv und den beiden Azetat-Bunkern, dass die nur noch mit Gasmasken da reinkonnten? Woran lag das?

HB: Ich weiß nicht, ob da inzwischen es mal offiziell festgestellt worden ist, woran es lag. Es lag sicher nicht an den Filmen. Es lag sicherlich auch nicht an der Technik der Lagerbauten. Was vermutet werden muss: es gab in Erkner so eine sogenannte Teerfabrik. Was die im Einzelnen, im Detail gemacht haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde schon in der Zeit um die Wendezeit herum immer wieder gesagt, vom Teerwerk in Erkner geht eine Teerblase aus, im Erdreich, die sich weiter ausbreitet. Und das war deswegen gefährlich – um die Filme hat sich da sicherlich kaum jemand damals Gedanken gemacht – aber: in Friedrichshagen gib es ein großes Wasserwerk. Und das Filmarchiv in Wilhelmshagen liegt schon im Einzugsbereich dieses Wasserwerkes. Und um das Wasserwerk zu schützen gegen die sich ausbreitende Teerblase, ist wohl vom Senat in dem Waldstück zwischen dem Filmarchiv und Erkner eine Pumpanlage gebaut worden, die immer da Wasser reingepumpt hat, ins Erdreich, und das ist dann wohl wieder in den Müggelsee zurückgeflossen… Ziel war, diese Teerblase wegzuhalten, vom Grundwasser. Ob diese Pumperei dann irgendwann eingestellt worden ist, ob sie sinnlos gewesen ist, weiß ich nicht, aber ich denke mal, das ist jetzt endlich diese Teerblase, die im Filmarchiv angekommen ist, und das wird … Diese ganzen Gebäude, die in Wilhelmshagen ja noch stehen, sind alle nicht dampfdicht, also geht das Zeug durch die Wände durch, das ist überhaupt keine Frage. Was mich gewundert hat: also neben der Problematik für die Kolleginnen und Kollegen, die da arbeiten, ist es ja auch völlig ungeklärt: was passiert eigentlich mit dem Filmmaterial, was da monatelang, vielleicht sogar jahrelang diesen Naphthalin-Dämpfen ausgesetzt worden ist? Hat das einen Einfluss auf die Farbstabilität, hat es einen Einfluss auf die Schwarzweiß-Materialien, hat es möglicherweise einen Einfluss auf die Azetat-Folien, auf Polyester-Material? Kein Mensch weiß das, und da gibt es sicherlich auch keine Untersuchung. Was ich seinerzeit, und ich hatte das mal dem Präsidenten hier auch geschrieben, nicht verstanden habe…

HH: Sie meinen Herrn Präsidenten Hollmann vom Bundesarchiv…

HB: Das war Hollmann schon… Was ich nicht verstanden habe, war, dass sie so relativ hilflos davorgestanden haben vor dem Problem und die Leute da mit Gasmasken reinschickten. Es tut mir leid, ich hätte dann in dem Fall – hätte ich auf jede Form von Klimatisierung verzichtet und hätte vorne und hinten die Lager aufgemacht, große Gebläse dahingestellt und hätte das Zeug rausgeblasen und hätte den Zustand auch gelassen, denn Frischluft ist immer noch besser als diese sich aufaddierenden Dämpfe – auch Produkte, die aus dem Filmmaterial herauskommen, addieren sich in so einem Lager auf und sind sicherlich nicht förderlich, was die Haltbarkeit von Filmmaterialien angeht…

HH: Man hat also die vorhandene Luftmenge immer nur umgewälzt…

HB: Ab einem bestimmten Zeitpunkt, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wann das gewesen ist, ab einem bestimmten Zeitpunkt sind im Bundesarchiv in Wilhelmshagen die Klimageräte ausgetauscht und mit den neuen Klimageräten gab es dann plötzlich keine Frischluftmöglichkeit mehr. Dann hat man nur noch klimatisiert und zwar im Kreislauf, und das ist im Grunde natürlich ein Schwachsinn. Kann man nicht machen.

Ab 13:15:

HB: Man hatte wahrscheinlich in der Verwaltung die geniale Idee, da können wir Kosten sparen. Das wird es gewesen sein. Ähnliche Problem hatten wir in Koblenz auch … Wir hatten in Koblenz ja, ich glaube, das läuft auch noch, ein Tiefkühllager für Farbfilm. Da haben die Haustechniker mirnichtsdirnichts die Klimaanlage, die Kühlanlage, die Kälteanlage abgeschaltet, weil sie gewartet werden musste, ohne dass da mal drüber nachgedacht worden ist, ne Ersatzanlage für solche Wartungsarbeiten anzuschaffen. Also es gab an einem bestimmten Zeitpunkt im Bundesarchiv leider verhältnismäßig wenig Verständnis für die besondere Problematik des Films, und ich spreche jetzt wirklich vom technischen Hintergrund.


 

Transkript Brandes Interview Clip 2:

 

Auf die aktuelle Situation des Bundesfilmarchivs angesprochen, beschreibt Brandes die aus seiner Sicht erforderlichen Schritte, um die Arbeitsfähigkeit des Archives wiederherzustellen.

Ab 23:30:

HB: Das Bundesarchiv müsste dafür sorgen, dass zunächst mal die Organisation wieder stimmt, das heißt: ich halte es organisatorisch für wenig begründbar und wenig logisch, dass wir einen Teil des Filmarchivs hier in Koblenz haben, der organisatorisch getrennt ist von dem Teil in Berlin. Natürlich gehört so etwas in eine Hand.

Ab 43:00:

HB:Und dann sollte der Stellenplan wie er existiert hat zur Zeit der Wiedervereinigung im Filmarchiv, der sollte mal endlich realisiert werden, und dann hätten wir auch genügend Personal und könnten wesentlich besser mit der Aufgabe zurechtkommen als wir heute dazu in der Lage sind. Ich kenne den Prozentsatz nicht, aber ich denke mal, dass 40-50 Prozent der Stellen entweder weggefallen sind oder nicht besetzt sind.

DK:Und das obwohl der Bestand immer weiter wächst…

HB: Das ist dem Finanzminister und dem Neumann ziemlich egal – die haben die Auflage, die Gesamtauflage im Bereich der Bundesverwaltung, (es) muss ein bestimmter Prozentsatz von Stellen jährlich eingespart werden, und natürlich ist dann erstmal so ein nachgeordneter Bereich wie das Bundesarchiv, und dann noch so ein Kulturbereich … der wird sich sehr anstrengen müssen, um dieser allgemeinen Kürzung zu entgehen… nur: ich bin der Meinung… ich war nie auch nur nah dran an so einem Präsidentenstuhl, nur: wenn ich das immer hinnehme, dann würde ich als vorgesetzte Behörde auch davon ausgehen: oh, es geht ja… Nein, es geht nicht! Es geht seit 15 Jahren nicht mehr, dass wir mit immer weniger Stellen immer mehr Filme bearbeiten, verarbeiten, sichern sollen. Das geht weder im Bereich der inhaltlichen Erschließung, das geht nicht im Bereich der Bewertung von Filmmaterialien, und das geht natürlich auch nicht im Bereich der technischen Bearbeitung. Es ist ein Irrsinn.

Ab 59:07:

HB:Erster Schritt wäre, das zu machen, was lange geplant ist – dafür gibt es fertige Pläne, alles da – die Filmlager bauen. Es fehlt Geld. Es fehlt Geld… und dann das Filmarchiv wieder so mit Personal auszustatten, dass es arbeitsfähig ist … es ist im jetzigen Zustand nur noch ganz bedingt arbeitsfähig… gehen Sie doch mal nach Wilhelmsha-, äh, nach Hoppegarten, gehen Sie doch mal durch den Neubau: wann immer ich da bin – also letztens hatte Herr Griep die, wer war denn das – Defa-Stiftung? Ich bin jedenfalls mit einer Gruppe mitgewesen, und Herr Griep hat uns geführt… und dann sind wir da durchgewesen, und dann habe ich den Guten gefragt: Karl, jetzt sind wir durchs ganze Haus gelaufen – in zwei Räumen, an der Entwicklungsmaschine und einem Filmabtaster, da wurde gearbeitet, ansonsten – nichts. Der kann sich dann auch nur etwas unwillig abwenden, er wird alleine gegen diese Hauspolitik auch nicht ankommen. Und ohne, ich denke, heute, ohne Hilfe der Öffentlichkeit passiert da auch nichts.

Ab 1:13:28:

HB: Wir waren sicherlich wirklich mal gut, nur, wenn 15 Jahre lang ständig Personal eingespart wird und ständig weniger Geld da ist, dann kann eine Arbeit, eine Aufgabe auch nicht mehr vernünftig erledigt werden…

HH:Das hat doch eigentlich 1990 angefangen, mit der Zusammenlegung…

HB: Ja sicher. Seitdem ist es abwärts gegangen.


 

Transkript Brandes Interview Clip 3:

 

Das Gespräch kommt auf die systematische Vernichtung von Nitrofilmen durch das Bundesarchiv, zu der Brandes differenziert Stellung bezieht.

Ab 49:02:

HH: Stefan Drössler vom Münchner Filmmuseum sagt: ich hatte die richtige Nase, unsere Filme liegen im Filmarchiv Austria.

HB: Die Kollegen in Wien sind sehr engagiert. Es wird kein Meter Nitro sicherlich wegfliegen, es sei denn, er ist wirklich kaputt. Ich muss sagen, ich habe es geschafft, einiges an Nitromaterialien, die sonst kassiert werden sollten, nach Wien umzuleiten, dass sie dort aufgehoben worden sind…

DK: Das ist doch schrecklich, dass Sie das sagen müssen… also, da müsste ein Bewusstsein geschaffen werden, dass das nicht nötig ist. Es schmerzt mich, das zu hören…

HB: Wenn Ihnen als Verantwortlicher in so einem wirklich damals sehr großen Filmarchiv – ich hatte damals in Koblenz allein in der Technik um die 60 Leute – ich weiß nicht, ob wir heute insgesamt noch so viele sind – wenn Sie als Präsident oder als Abteilungsleiter morgens zum Dienst kommen und Sie sehen, wie einem da oben die Festung um die Ohren fliegt, dann denke ich, denkt man über Nitromaterial nochmal neu nach. Und dass man nochmal neu drüber nachgedacht hat, war sicherlich richtig. Dass man dann zu einer Entscheidung gekommen ist, dass es auch Nitromaterial geben muss, was man kassieren kann, ist sicherlich auch richtig… dass man aber – und jetzt fängt es an, komisch zu werden – dass man gesagt hat, wir müssen soundsoviel Tonnen im nächsten Jahr kassieren – das ist unmöglich. Das ist unmöglich. Da kann dann irgendwann keiner mehr die Hand dafür ins Feuer legen, dass da nicht auch Material dann verschwunden ist, was bisher nicht verschwunden wäre…

HH: Es gab da eine Initiative verschiedener Professoren, die sich wirklich beschwert haben über diese Kassierungspraxis des Bundesarchivs…

HB: Das hat viel Ärger gemacht…

HH: Das ist in der Öffentlichkeit aber völlig ohne Beachtung geblieben. Es ist nicht beachtet worden… so eine fachinterne Diskussion.

HB: Es ist in den Filmarchiven international … wir waren ja also immer Mitglied bei der FIAF, ich war lange, im Grunde solange ich in der FIAF mitgearbeitet habe, Mitglied in der technischen Kommission, und da hatte man schon einen schweren Stand mit dieser Entscheidung, Nitromaterial zu kassieren. Ich will das damit gar nicht entschuldigen – auch die anderen Filmarchive sind eben nicht in der Lage, aus den gleichen Gründen wie bei uns – nicht genügend Geld, nicht genügend Personal, nicht genügend Lagerkapazität – eben dann mit Nitromaterial eben so umzugehen: da packen wirs mal dahin, offiziell kassieren wirs zwar nicht, aber wenns denn kaputtgeht, dann ist es das eben. Dann mache ich lieber wirklich eine aktive Bestandspolitik, und ich sage: die und die Filme dürfen auf keinen Fall kassiert werden, und bei den anderen, da hab ich mir immer vorgestellt – aber das ist dann auch bei meiner Vorstellung geblieben – es müssten mindestens drei Leute zusammensetzen: Filmhistoriker, Techniker, Archivar, die eben in einem Fünf-Minuten-Gespräch entscheiden: wird ein Film aufgehoben oder nicht. Wenn er kassiert wird, was sind die Gründe. Wenn er nicht kassiert wird, was sind die Gründe. Soviel Geld müsste dasein, dass so etwas gemacht wird.

HH: Im Augenblick ist es so …

HB: … eine einsame Entscheidung einer einzelnen Person …


 

Transkript Brandes Interview Clip 4:

 

Brandes wägt die praktischen Schwierigkeiten der Digitalisierung und der Analog-Umkopierung gegeneinander ab und beschreibt die Unsicherheiten hinsichtlich der den Ausgangsmaterialien angemessenen digitalen Auflösung.

Ab 27:55:

HB: Sie müssen bei jeder digitalen Bearbeitung wirklich aufpassen, dass Sie keine digitalen Artefakte reinbekommen… Und dafür muss derjenige, der so eine Bearbeitung erstens macht und zweitens irgendwann auch abnimmt, schon einen Blick haben und sichersein, dass es keine Artefakte gibt. Nur: was ist die Alternative?

Ab 27:51:

HB: Nur, wenn Sie genau so kritisch wie Sie ein digitalisiertes Material sich ansehen, eine Umkopierung sich ansehen, dann sehen Sie da natürlich auch Fehler drin, die aufgrund der Schwierigkeit des Ausgangsmaterials entstanden sind, weil die Kopiermaschine nicht hundertprozentig geeignet war, weil Klebestellen einfach schlecht sind, die Sie nicht alle unter Umständen ausgebessert haben, nicht richtig ausgebessert haben… Also, natürlich gibt es Probleme auch beim Digitaliseren. Je früher Sie ein Digitalisat sich ansehen, das heißt, wann es entstanden ist, desto eher werden Sie solche Artefakte sehen. Ich glaube heute passiert es relativ selten. Ich würde mir nicht zumuten oder sagen wollen, das passiert mir nicht. Aber ich sehe auch, von einem schwierigen Nitro-Material, von einem schwierigen Azetat-Material, da funktioniert es auch nicht, dass Sie ein fehlerfreies Kopierprodukt bekommen. Sie kriegen Bildstandsprobleme – die kriegen Sie überhaupt nicht in den Griff, auf fotografischem Wege. Da haben Sie natürlich in der digitalen Welt wirklich andere Möglichkeiten. Ich weiß, als ich die ersten Vorführungen von elektronisch bearbeitetem Material gesehen habe, das war auf so einem Großprojekt da mal in Babelsberg, da habe ich gesagt, ganz spontan: Das ist die erste fehlerfreie Vorführung, die ich gesehen habe.

Ab 29:59:

DK: Sagen Sie mal, vor ein paar Jahren hat mir jeder gesagt, 2K wäre das Maß der Dinge, jetzt habe ich hier auf 4K nur noch Restaurierungen gesehen in  letzter Zeit. Sogar 16mm wird auf 4K restauriert.

HB: Na ja, 16mm auf 4K halte ich für etwas überzogen…

HH: 2K, 16 mm reicht aus.

HB: Es gibt viele Unsicherheiten. Sie haben das vorhin ganz kurz angesprochen. Man ist, und nicht nur in den Archiven, im Grunde im Augenblick dabei, zum dritten Mal zu digitalisieren. Wir haben angefangen mit Standard-Auflösung…

HH: Also Fernsehauflösung  … PAL.

HB: … die alte Fernsehauflösung. Der nächste Schritt war der wirklich schon große Schritt nach HD hin. Heute sind wir standardmäßig bei 2K, und ich fürchte, bei vielen Materialien repräsentiert 2K nicht das, was an Auflösung in einem, jetzt ganz speziell: Originalnegativ drin ist. Da liege ich wahrscheinlich mit 4K eher im Bereich der tatsächlichen Filmauflösung.


Das vollständige Interview in 1:14:44 Länge:

 

Gesprächsführung: Helmut Herbst (HH), Daniel Kothenschulte (DK) im September 2013
Bearbeitung: Dr. Dirk Alt im September 2015