Filmerbe-Kolloquium in Saarbrücken, 13.-15.11.2017 (DA)

Unter dem kurios klingenden deutschen Titel „Die Bergmannskuh vom Eis holen“ (weniger kurios der französische: „Battre le fer quand il est chaud“) richtete das Filmbüro Saar vom 13. bis 15. November ein Kolloquium in Saarbrücken aus, das „Zugänglichkeit, Erhalt und Nutzung des filmkulturellen Erbes“ in der europäischen Großregion Luxemburg, Lothringen, Saarland, Rheinland-Pfalz und Wallonien zum Inhalt hatte. Unterstützt wurde die im Rahmen des Interreg-Projektes „Digitale Steine“ („Pierres Numériques“) abgehaltene Tagung von der Universität des Saarlandes und dem Ministerium für Bildung und Kultur. Die Vorträge wurden auf Deutsch und Französisch gehalten, für Simultanübersetzung war gesorgt. Das Hauptinteresse der Organisatoren lag dabei erkennbar auf dem industriellen Filmerbe der regionalen Schwerindustrie. Wie eingangs deutlich gemacht wurde, sollte der Austausch mit verschiedenen, vor allem regional fokussierten Filmerbe-Institutionen einerseits Perspektiven und Orientierung für die geplante Erfassung, Sammlung und Zugänglichmachung der in der Großregion vorhandenen Filmzeugnisse schaffen, andererseits aber auch den Dialog über Ländergrenzen hinweg fördern.
Zu Beginn stand am Montag ein Filmabend im Programmkino Achteinhalb auf dem Plan, der am Dienstagabend fortgesetzt wurde. Diese separaten Filmvorführungen waren im Vergleich mit dem Vortragsprogramm gut besucht und kompensierten die Tatsache, dass die im Volkshochschul-Zentrum am Schloss abgehaltenen Vorträge mit audiovisuellem Material eher geizten. Neben den zu erwartenden Industriefilmen sowie Ausgaben eines regionalen, im Platt gesprochenen Video-Magazins (Action culturelle du Bassin houiller lorrain) wurden mit „Der Zankapfel“ (1976, Saarländischer Rundfunk) eine zeitgeschichtliche Dokumentation, die vor allem dank ihrer Zeitzeugen die jüngere Geschichte der Saarregion fesselnd darzustellen vermochte, und mit „Memoire carbone“ (Frankreich 2005) ein künstlerischer Experimentalfilm gezeigt, dessen Regisseur Pierre Villemin die Vorführung begleitete und sich Fragen aus dem Publikum stellte.

Im Vortragssaal des Volkshochschul-Zentrums im Schloss Saarbrücken

Das Vortragsprogramm zeichnete sich durch eine Vielzahl von Themenpunkten, aber auch durch inhaltliche Überschneidungen und eine gewisse Redundanz der Referenten aus: So referierten Mélina Napoli (Regionalleiterin des Institut National de l’Audiovisuel, INA) und der Verfasser zwei Mal, und Thomas Grand (Leiter von Image’Est) nicht weniger als drei Mal. Dass die Zwischenschaltung von Diskussionsrunden vielleicht ertragreicher gewesen wäre als die stattdessen gebotene Aneinanderreihung von Powerpoint-Vorträgen, legt der Verlauf der sehr lebhaften Diskussion zum Thema „Didaktische Bewegbild-Materialien“ am Mittwochvormittag nahe. Hier war allerdings zu beobachten – ebenso wie bei den Fragen, die den Referenten gestellt wurden –, dass sich zumindest im offiziellen Programm nur selten ein direkter Austausch zwischen den deutsch- und den französischsprachigen Teilnehmern beobachten ließ: Wenn die einen fragten oder diskutierten, schwiegen die anderen – was man indes den Organisatoren, die sich um bestmögliche Verständigung bemüht hatten, nicht anlasten kann.
Unter den Institutionen, die vorgestellt wurden, kam dem Institut national de l’audiovisuel (INA) besondere Gewichtung zu. Simon Wareshagin und Mélina Napoli schilderten die Geschichte und Archivpraxis dieser 1974 im Prozess der Aufsplitterung des ORTF gegründeten Einrichtung, die im Zuge eines „Plan de sauvegarde et de numérisation“ von 1999 bis heute 1,4 Millionen Stunden ihrer audiovisuellen Bestände digitalisiert habe. Insbesondere vermittelte die Präsentation dieser Bestände via Internet ein breites inhaltliches Spektrum, das bis zu Video-gestützten Quizz-Webseiten für die breite Öffentlichkeit reicht und über alle einschlägigen Kanäle vermarktet wird.

Mélina Napoli über die „galaxie“ ina.fr

Sigrid Kiefer stellte die Archive des Saarländischen Rundfunks und die Kooperation „IDA“ (Information, Dokumentation und Archive SR & SWR) vor und machte auf Nachfrage deutlich, dass die im Bestand enthaltenen Filme auch nach der Digitalisierung selbstverständlich aufgehoben würden. Auch Dr. Ralf Springer betonte in seinem Vortrag das Primat des Originalerhalts. Springer schilderte die verdienstvolle Arbeit des LWL-Medienzentrums für Westfalen, dessen Archiv inzwischen rund 8.000 Filme und Filmteile enthält (vor allem Dauerleihgaben kommunaler Archive, von Heimatvereinen und Privatpersonen) und stellte darüber hinaus den Arbeitskreis „Filmarchivierung NRW“ vor, an dem sich Institutionen wie das Thyssen-Krupp-Archiv, das Deutsche Bergbaumuseum, das Filmforum Düsseldorf und der WDR beteiligten. Alessandra Luciano gab einen Überblick über das Centre National de l’Audiovisuel (CNA) in Luxemburg, das sowohl Bibliothek als auch Museum, Produktionsgesellschaft, Galerie und Bildungseinrichtung sei und u.a. 10.000 Amateurfilme besäße (drei Viertel des Bestandes läge allerdings auf Video vor). Luciano wies auf Unterschiede der digitalen Formate auch der Rohscans hin, die eine Open-Source-Entwicklung wünschenswert erscheinen ließen, um von Dienstleistern wie IBM oder Apple unabhängig zu werden.
Paul Hofmann berichtete von der Kinemathek im Ruhrgebiet, die 1976 aus dem damals innovativen Ansatz hervorgegangen sei, Geschichte regional-geographisch zu erzählen. Die Sammlung sei entstanden, da man sich „genötigt sah“, Bestände zu übernehmen, die andernfalls „unter die Räder“ gekommen wären. Hofmann zeigte sich betrübt über die andernorts erfolgte Vernichtung von regionalgeschichtlich relevanten Dubletten, die die Kinemathek im Ruhrgebiet gerne in ihre Bestände übernommen hätte: So sei die Dezentralisierung von Dokumenten seines Erachtens wesentlich, „um etwas über die Zeit zu retten“.
Dr. Bastian Drees von der Technischen Informationsbibliothek (TIB) Hannover stellte das AV-Portal dieser Einrichtung dar, das sich zum Teil aus Filmen des ehemaligen Instituts für den Wissenschaftlichen Film (IWF) zusammensetzt (7.000 IWF-Titel von aktuell insgesamt 12.000 Online-Videos). Bei der Nachverhandlung von Rechten versuche die TIB die Autoren vom Open-Access zu überzeugen; bei der Erschließung der Filme kämen automatische Videoanalyse-Werkzeuge (Szenen-, Bild- und Texterkennung, Sprachanalyse, Verschlagwortung) zum Einsatz. Eine eindrucksvolle Datenbank präsentierte Loretta Walz mit dem Online-Videoarchiv „Die Frauen von Ravensbrück“, das vom Brandenburgischen Bildungsministerium gefördert wird.

Diskussion zum Thema „Didaktische Bewegtbild-Materialien“

 

Als Fazit bleibt den Veranstaltern und dem Filmbüro Saar zu wünschen, dass sie ihren Teil dazu beitragen können, die „Bergmannskuh“, also das zeit- und industriegeschichtliche Filmerbe der Region, vom Eise zu holen – sei es in analoger oder in digitaler Form oder in beiden. Die wesentlichen Impulse hierfür dürfte das Kolloquium geliefert haben.

 

Die Fotos werden Jörg Witte verdankt.