Ein kleiner Denk- Zettel aus dem großen Schlamassel (HH)

Weitergereicht und kommentiert von Helmut Herbst

Vergangenheit braucht Zukunft
Strategien für einen nachhaltigen Umgang mit dem audiovisuellen Kulturerbe Deutschlands

Symposium am Freitag den 08.07.
von 10:00 bis 18:00 Uhr
in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund
Luisenstrasse 18
10117 Berlin
http://www.lv.sachsen-anhalt.de

Das Tagungsprogramm sowie weitere Informationen zur Anmeldung etc. ist hier zu finden:
http://sektion-frav.de/


Eine Bitte an die Kulturstaatsministerin scheint in Erfüllung zu gehen:

Fassen Sie auf den letzten Metern vor der kommenden Bundestagswahl auch jetzt bitte nichts an!

Andererseits hat die bisherige finanzielle Zurückhaltung bei der Sicherung des Filmerbes zu einer Situation geführt, in der die zersplitterte und unterfinanzierte deutsche Archivlandschaft sich in einen bizarren Bazar verwandelt. Die Archive bekommen zwar kaum Geld für ihre Arbeit, dafür aber immer mehr Macht;  denn nur was digital zugänglich ist, bleibt als Teil der Filmgeschichte erhalten und lebendig. Und darüber, was nach dem „Arche-Prinzip priorisiert“ und ins digitale Zeitalter gerettet wird, entscheiden neben ein paar Stiftungen die Archive.  So kann aus einer Behörde, die einmal gegründet wurde, das physische Filmerbe zu sammeln, ohne Ansehen der Person zu pflegen und nach internationalen Standards zu lagern, im Handumdrehen ein audiovisueller Multi werden, der seine Digitalisate mit allen Verwertungsrechten optimal vermarkten muss und dies etwas schamhaft hinter den Begriffen „Priorisierung“ und „on Demand“ versteckt.  Ein Filmmacher, der z.B. einen der neuen (Knebel-) Verträge der Deutschen Kinemathek zwecks Digitalisierung und Archivierung seiner Filme unterschreibt, verliert den freien Zugriff auf sein Werk, er wird quasi-enteignet. „I owe my soul to the company store.“  Das geht weit über alles hinaus, was unabhängigen  Filmmachern bisher von Sendeanstalten oder Verleihern zugemutet wurde, –  und es ist „final“:   Friss Vogel, oder stirb!

Schon immer standen die Archive in Konkurrenz zueinander. Jeweils die fettesten Rosinen aus dem großen Kuchen heraus zu picken, war sportlicher Anreiz und Motivation für eine eher eintönige und in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung leider völlig unterschätzte Arbeit. Mit dem Teilen ihres Spezial- und Insiderwissens waren Archivarinnen und Archivare daher immer schon sehr zurückhaltend. Als wichtigste Grundlage für die vielleicht demnächst doch noch stattfindende Digitalisierungs-Kampagne benötigen die Filmwissenschaften und die interessierte Öffentlichkeit aber einen offenen digitalen Zugang zum Filmerbe-Bestand  – im Sinne des von der UNESCO geforderten OPEN ACCESS zu mit öffentlichen Mitteln produziertem Wissen. Den kann nur ein visualisierter Gesamtkatalog des Filmerbes gewährleisten. Mit der Hilfe einer neuen Generation von Filmscannern könnte er – zu vertretbaren Kosten auf HD- Niveau – innerhalb weniger Jahre erstellt werden. Nur ein offener digitaler Zugang wird es erlauben, die prioritäre, längst überfällige Sichtung und Klassifizierung des gesamten deutschen Filmerbe-Bestandes (auch für Master- Digitalisierungen  und Restaurierungen)  auf mehrere Arbeitsgruppen von Fachleuten zu verteilen, die auf bestimmte Epochen und Genres spezialisiert sind.

Birkert, den18.06.2016