Die Stunde der Digitalisten (DA)

von Dr. Dirk Alt

Bericht vom Symposium „Vergangenheit braucht Zukunft! Strategien für einen nachhaltigen Umgang mit dem audiovisuellen Kulturerbe Deutschlands“
(08.07.2016, Berlin)

„Vergangenheit braucht Zukunft“ – dies war der Leitgedanke eines eintägigen Symposiums, das die Sektion Film, Rundfunk und audiovisuelle Medien im Deutschen Kulturrat am 8. Juli 2016 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt zu Berlin veranstaltete. Um den Stand der Filmerbe-Diskussion in Deutschland abzubilden, waren Gäste aus Institutionen des Kinematheksverbundes sowie aus Politik und Medien geladen – darunter auch der Verfasser, der als Diskutant am ersten Panel mitwirken durfte. Die konzeptionelle Planung und Durchführung lagen in den Händen von Dr. Thorolf Lipp, stellvertretender Sprecher der Sektion und Vorstandsmitglied der AG Dok, die bereits mit dem weithin beachteten Sonderheft des Film & TV Kameramann „Unser Filmerbe braucht uns. Jetzt!“ (Februar 2015) Anstrengungen unternommen hatte, der Thematik öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Als inhaltlicher Richtungsweiser der Tagung wurde bereits im Vorfeld auf eine Stellungnahme des Deutschen Kulturrats hingewiesen, deren Wortlaut hier abrufbar ist.

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Diskussion im Zeichen der Alternativlosigkeit. Von links nach rechts: Dr. Rainer Schäfer (Institut für Rundfunktechnik), Dr. Siegfried Fössel (Fraunhofer Institut), Josef Reidinger (ARRI Media GmbH), Prof. Barbara Flückiger (Universität Zürich), Prof. Martin Körber (Deutsche Kinemathek), Dr. Michael Hollmann (Bundesarchiv).

 

Das Symposium begann mit einem Missverständnis, das sich als symptomatisch herausstellen sollte: In seinem Grußwort knüpfte Dr. Gunnar Schellenberger, Staatssekretär für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt, einen Bogen vom Komplex „Rettung des Filmerbes“ zur Übertragung des Halbfinales in der Europäischen Fußballmeisterschaft, das am Vortag zwischen Deutschland und Frankreich ausgetragen worden war. Dessen Aufzeichnung, so Schellenberger, sei ja bereits digital – um die müsse man sich also nicht mehr kümmern – und brachte damit beispielhaft zum Ausdruck, wie fest der fatale Konnex zwischen Digitalisierung und Erhalt audiovisueller Medien bereits in den Köpfen zementiert ist.

Dieser Konnex, den die Leiterin des Deutschen Filminstituts / DIF, Claudia Dillmann, am Rande der B3-Biennale des bewegten Bildes im vergangenen Jahr lebhaft kritisiert hatte, wurde von den Vertretern des Kinematheksverbundes im Laufe des Symposiums bekräftigt, gepflegt und fortgeschrieben. Zwei von drei Panels gaben ihnen hierzu hinreichend Gelegenheit, zunächst die Eröffnungsrunde, die mit der Frage überschrieben war: „Wozu überhaupt aufbewahren?“ und die „Bedeutung des audiovisuellen Erbes für eine vitale Bürgergesellschaft“ thematisieren sollte, und das abschließende Panel, das unter dem Motto „State of the Art des Aufbewahrens“ über „Strategien und Technologien“ informieren sollte, sich aber als Mogelpackung herausstellte – hierzu später.

Dem epochemachenden und unbestrittenen Vorzug der Digitalisierung, nämlich der quasi schrankenlosen Verfügbarmachung audiovisueller Inhalte, war das mittlere Panel gewidmet, das nach „traditionellen Strategien und innovativen Ansätzen“ zur Sichtbarmachung des Filmerbes fragte. Claudia Dillmann bezweifelte eingangs des Panels, ob aus dem Filmerbe überhaupt nennenswertes Kapital geschlagen werden könne – eine Skepsis, die der Verlauf der Debatte bestätigte, beschrieb das einzige Erfolgsmodell, das zur Sprache kam, doch einen zeitgeschichtlichen Sonderfall: die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. Hitler ginge immer, führte „Filmarchäologe“ Hermann Pölking-Eiken aus, der im Anschluss an die Diskussion Amateuraufnahmen der florierenden Agentur Karl Höffkes zeigte und live kommentierte. Hinsichtlich der Vermarktbarkeit aller anderen Filmepochen entstand ein trübes Bild, dem zufolge die zersplitterten und zum Teil wohl auch mangelhaft vermarkteten Online-Angebote (alleskino.de, onlinefilm.org, die Filmothek des Bundesarchivs u.a.) nicht in der Lage wären, sich wirtschaftlich zu tragen. Cay Wesnigk verwies in diesem Zusammenhang seufzend auf den „Filmfriedhof Internet“ und die „vielen sleeping beauties“, die dort vergeblich darauf warteten, wachgeküsst zu werden. Das mangelnde Interesse einer breiten Öffentlichkeit brachte Claudia Dillmann mit der Feststellung auf den Punkt, das Filmerbe sei „nicht sexy“.

Davon unberührt, war die Notwendigkeit der Erhaltung des Filmerbes der kleinste gemeinsame Nenner der Diskutanten während des ersten und des dritten Panels. Vollkommene Einigkeit bestand hinsichtlich des vom Kinematheksverbund postulierten „Axioms des Originalerhalts“, mit dem nicht zuletzt den Ängsten vor einer großangelegten Analogfilmvernichtung entgegengewirkt werden sollte, die das Digitalisierungs-Gutachten der Price-Waterhouse-Coopers im vergangenen Sommer geschürt hatte. Die in diesem Zusammenhang gestellte Frage aus dem Publikum, wie denn das Bundesarchiv mit den seit Jahrzehnten systematisch dezimierten Nitrozellulosefilmen in Zukunft verfahren werde, blieb leider unbeantwortet.

Da aber die Unantastbarkeit der Originale unter den Anwesenden mit seltener Einmütigkeit bekräftigt wurde, verlagerte sich das Gespräch rasch auf die nicht minder drängende Frage einer verantwortungsvollen Archivierungspraxis im digitalen Zeitalter, d.h. nach probaten Sicherungsmaßnahmen und einer konservatorischen Langzeitstrategie. Der Verfasser äußerte bei dieser Gelegenheit seine Bedenken, die sich zum einen aus dem dramatischen Schwund der analogen Infrastruktur, der Filmfabrikation und der kopiertechnischen Betriebe ergeben und zum anderen aus den Unwägbarkeiten digitaler Speichertechnologie. Die konservatorische Sicherung hat sich vor diesem Hintergrund zu einer Frage von für das Filmerbe vitaler Bedeutung entwickelt und damit auch zu einer Frage von kultur- und gedächtnispolitischem Gewicht – denn verhandelt wurde nicht die zukünftige mediale Abrufbarkeit heutiger Fußballspektakel, sondern der Fortbestand des ästhetischen, künstlerischen, dokumentarischen und geschichtlichen Erbes von 120 Jahren Filmproduktion auf deutschem Boden. Legt man die ebenso nüchterne wie desillusionierende Bestandsaufnahme der EU-Kommission „Digital Agenda for the European Film Heritage“ (Dezember 2011) zugrunde, die eindringlich vor den Gefahren der digitalen Speicherung warnt, so erscheint es als das Mindeste, diese Gefahren offen anzusprechen und ihnen potentielle Lösungsansätze gegenüberzustellen, um letztlich die Tragfähigkeit der vom Bund verfolgten, ausschließlich digitalen Archivierungsstrategie abwägen zu können. Genau dies ist im Rahmen des Symposiums unterblieben – und zwar trotz Einwürfen auch aus dem Publikum, die eine solche Auseinandersetzung hätten befeuern müssen, am nachdrücklichsten vielleicht die Wortmeldung von Dr. Barbara Fränzen, Leiterin der Abteilung Film im Österreichischen Bundeskanzleramt, die zum Ausdruck brachte, dass die Österreicher der physischen Archivierung stärker vertrauten als der digitalen und darum die letzte verbliebene Kopieranstalt des Landes einschließlich Personal für die Archivzwecke sichergestellt hätten.

Erfreulicherweise scheint auch in der deutschen Politik, zumindest in der Opposition, das Problembewusstsein inzwischen geschärft worden zu sein. Entsprechende Akzente setzten während des ersten Panels die beiden Mitglieder des Deutschen Bundestages, die der Einladung zum Symposium gefolgt waren: Als Vertreterin von Bündnis 90/Die Grünen monierte Tabea Rößner einen „Digitalisierungs-Wahn“ und die Schließung der beiden bundeseigenen Kopierwerke; in Anlehnung an das französische Modell ergriff Harold Petzold, medienpolitischer Sprecher der Linksfraktion, unumwunden Partei für die fortgesetzte Analogisierung zu Archivzwecken.

Während des letzten Panels insistierte Diskussionsleiterin Prof. Dr. Barbara Flückiger gegenüber Prof. Martin Körber (Deutsche Kinemathek), zu den digitalen Katastrophenszenarien Stellung zu nehmen. Ihr war kein Erfolg beschieden, da den Vertretern des Kinematheksverbundes an einer Grundsatzdiskussion offenkundig nicht gelegen war. Eine stillschweigende Übereinkunft hinter den Kulissen schien zu besagen, dass nicht das Ob diskutiert werden sollte, sondern ausschließlich das Was und das Wie. Diese Verweigerungshaltung verhinderte im dritten Panel vollständig die Behandlung der „Grundsatzfrage: Digitales oder analoges Langzeitarchiv?“, die bereits als Folie projiziert worden war, jedoch die Absicht konterkariert hätte, die digitale Speicherung alternativlos erscheinen zu lassen.

Diesen Standpunkt vertraten insbesondere der Präsident des Bundesarchivs, Dr. Michael Hollmann, der an beiden Panels teilnahm, der künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek, Dr. Rainer Rother, und der Leiter des Filmarchivs der Deutschen Kinemathek, Prof. Martin Körber. Hollmann begründete die ausschließlich digitale Sicherungsstrategie des Bundes mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten auf der einen Seite und mit der digitalen Zeitenwende auf der anderen: denn in Zukunft sei das Digitale „das genuine Medium“, und da man somit ohnehin gezwungen sei, digital zu archivieren, sei es nur logisch, vollständig auf das Digitale umzuschwenken. Die Zwangslage, in welche die Filmerbe-Institutionen durch den Medienumbruch geraten seien, veranschaulichte er an dem Bild vom Brückenbau, der den Übergang vom einen Ufer zum anderen ermöglichen sollte, bei dem der Anfang der Brücke jedoch bereits zusammenbreche, bevor noch das andere Ufer erreicht sei.

Während Rainer Rother den Analogfilm nur noch als Gegenstand von „Nostalgie“ gelten lassen wollte, diskreditierte Martin Körber die Analogisierung digitaler Filme bzw. die Re-Analogisierung von Filmscans als Schaffung „eines weiteren analogen Problems“. Das Einlagern von Filmbüchsen erschien Körber schlechterdings als Anachronismus, denn das „Herumliegenlassen“ sei gleichbedeutend mit „dem Tod jeder Medienkunst“. Dies führte ihn zu dem befreienden (oder selbstberuhigenden?) Schluss, dass ein digitales System, das (aufgrund der Notwendigkeit von Migration und Transkodierung) zu einem „dauerhaften Datenmanagement“ zwinge, eindeutig vorzuziehen sei.

Dieser Zweckoptimismus, mit der mancher Fachmann sein eigenes Unbehagen überspielt, dürfte die wohl unerlässliche Begleiterscheinung einer Digitalisierungsstrategie sein, die Züge einer Kapitulation vor dem materiellen Filmerbe trägt. Die Akteure des Kinematheksverbundes, die sich im Rahmen des Symposiums dazu äußerten, sind keine Visionäre, sondern Getriebene dessen, was Gerhard Midding in epd-film als „ökonomischen und politischen Imperativ“ der „digitalen Revolution“ bezeichnet hatte. Selbstverständlich haben sie zurzeit leichtes Spiel, ihre Risikostrategie zu verbrämen – die Verführungsmacht des Digitalen ist noch ungebrochen. Beinahe greifbar wurde sie, als Dr. Siegfried Fössel vom Fraunhofer Institut dem Publikum Staunen und Entzücken entlockte, indem er einen USB-Stick in die Höhe hielt – mit der Bemerkung, auf diesem handlichen Datenträger werde man in Bälde die gesamten Bestände des Bundesfilmarchivs speichern können. (Wie lange diese Daten dann voraussichtlich lesbar blieben, verriet er nicht.)

Hinzuzufügen wäre noch, dass man, selbst wenn die ängstlich umschiffte Grundsatzfrage der Archivierung tatsächlich bereits entschieden wäre, den Ertrag des Symposiums hinsichtlich Digitalisierungs-Strategie und -Parametern sowie dem institutionellen Zusammenspiel als äußerst dünn bezeichnen muss – ein Ergebnis, das ausdrücklich nicht den Organisatoren angelastet werden kann.

Nun richtet sich aller Aufmerksamkeit auf die internationale Konferenz, die das unter dem modischen Titel „Film:ReStored“ angekündigte Festival der Deutschen Kinemathek im September diesen Jahres begleiten wird. Mit Spannung bleibt abzuwarten, welche Positionen hinsichtlich der Frage der Langzeitsicherung hierbei durch die beteiligte Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF) eingebracht werden. Jedenfalls ist anzunehmen und zu hoffen, dass sich im September eine größere Meinungsvielfalt artikulieren und zu jener produktiven Auseinandersetzung führen wird, die man am 8. Juli vergeblich erwartete: Ob die Phalanx der Digitalisten dann Brüche zeigen wird…?

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Der Analogfilm ist tot – lang lebe …
(Stimmungsvolle Dekoration beim Symposium des Deutschen Kulturrats)

Wir danken Dr. Thorolf Lipp für die Überlassung des Bildmaterials.