Das Bundesarchiv und die Sicherung des nationalen Filmerbes

Vortragsmanuskript von Dr. Michael Hollmann, dem Präsidenten des Bundesarchivs

Der Vortrag wurde am 23. September 2016 im Rahmen des Symposiums „Film:ReStored“ der Deutschen Kinemathek gehalten.

 

Das Bundesarchiv und seine Aufgaben

 

Als Staatsarchiv der Bundesrepublik Deutschland ist das Bundesarchiv grundsätzlich zuständig für die Archivierung der Unterlagen der Stellen des Bundes von den Verfassungsorganen bis hin zu den untersten Ebenen der gesamtstaatlichen Verwaltung. Die einzigen Ausnahmen stellen die gesetzgebenden Körperschaften dar, denen es anheimgestellt ist, eigene Archive zu unterhalten, und Bundesbehörden mit ausschließlich regionaler Zuständigkeit, deren Unterlagen den Landesarchiven anzubieten sind. Die Grundlage dieser Aufgaben bildet das Bundesarchivgesetz, das die zentrale Aufgabe der Archivierung ganz klassisch umschreibt mit Übernehmen und Sichern, materiell Erhalten, inhaltlich Erschließen und schließlich der Benutzung zur Verfügung stellen. Der im Gesetz ebenfalls genannte Aufgabenbereich der wissenschaftlichen Auswertung ist in den letzten Jahren der Aufgabenvermehrung und Ressourcenverdichtung deutlich zurückgetreten.

In historischer Perspektive ist das Bundesarchiv grosso modo verantwortlich für die Überlieferung des deutschen Zentralstaats seit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1867/71, ein Zeitraum, der das Deutsche Reich wilhelminischer Prägung, das Deutsche Reich der Weimarer Verfassungsperiode, das Deutsche Reich unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus, die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland umfasst.

Konkret bedeutet das, dass die bezeichneten Stellen des Bundes dem Bundesarchiv alle Unterlagen zur Übernahme anbieten müssen, die sie für ihre Aufgabenwahrnehmung nicht mehr benötigen. Von sich aus vernichten dürfen sie nur Unterlagen, für die explizite gesetzliche Vernichtungsgebote gelten, und Unterlagen von offensichtlich nicht gegebenem bleibenden Wert, wenn und sofern darüber vorab eine Vereinbarung mit dem Bundesarchiv erzielt wurde.

Unerheblich ist dabei die materielle Gestalt und Aufzeichnungsform der Unterlagen. Anzubieten sind also nicht nur klassische papierbasierte Aufzeichnungen und Dokumente, sondern auch Karten, Pläne, Fotos, genuin elektronische Akten und Datenbanken, Tonaufzeichnungen und eben auch Filme.

Aus der enormen Menge der angebotenen Unterlagen – jedes Jahr bieten allein die Bundesministerien ca. 6 laufende Kilometer schriftlicher Unterlagen an – wählt das Bundesarchiv im Zuge der Bewertung diejenigen Unterlagen aus, denen bleibender Wert für die Erforschung der deutschen und allgemeinen Geschichte im umfassenden Sinne des Wortes zukommt.

Die durch die Bewertung zu Archivgut, also zu unveräußerlichem Kulturgut umgewidmeten Akten, Bilder, Karten usw. werden anschließend archivisch, d.h. kontextbezogen, erschlossen. Die Erschließungsdaten können über eine Datenbank recherchiert werden, wo immer zulässig auch über Invenio, die Internetplattform des Bundesarchivs. Unter Beachtung der im Bundesarchivgesetz definierten Zugangsregeln sowie anderer spezieller rechtlicher Vorschriften, die Auswirkung auf die Verwertbarkeit etwa von Bildern und Filmen haben können, steht das Archivgut des Bundes jedermann zur Nutzung zur Verfügung. Alles bislang Gesagte gilt selbstredend auch für Filme. Aber darüber wird später zu sprechen sein.

Die Organisation des Bundesarchivs und seine räumliche Dislozierung sind wesentlich seiner durchaus bewegten Geschichte geschuldet, die zu erzählen hier nicht der Ort ist. Die Zuständigkeit für die Filme teilen sich die Abteilung Filmarchiv für die inhaltlichen Aspekte und die Abteilung Archivtechnik für alle Fragen der Magazinhaltung, Konservierung und Restaurierung. Im Rahmen des Kinematheksverbunds nimmt das Bundesarchiv so die Funktion eines zentralen Filmarchivs der Bundesrepublik Deutschland wahr.

Zum Kern der archivischen Aufgaben gehört – geradezu ein dogmatisches Axiom – der körperliche Erhalt des Archivguts in seiner originalen Gestalt. Das ist keine einfache Aufgabe angesichts des Umstands, dass Archivgut grundsätzlich und wie nahezu alle von Menschen geschaffenen Artefakte Verfalls- und Zersetzungsprozessen unterliegt, die immer nur aufgehalten und niemals ganz gestoppt werden können – Zerfallsprozesse, die je nach Materialart gänzlich unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und denen dementsprechend mit ganz verschiedenen Strategien begegnet werden muss.

In diesem Zusammenhang wurden und werden – aufs Ganze gesehen bislang in erschreckend geringem Umfang! – Kopien erstellt, die als Benutzungskopien das Archivgut vor Abnutzung und unsachgemäßer Handhabung schützen sollten oder als Ersatzformen für den Fall dienen sollen, dass das Archivgut selbst unrettbar verloren geht.

Bis vor kurzem waren in diesem Zusammenhang der Mikrofilm bzw. im Bereich der

Filmarchivierung der analoge Film das Mittel der Wahl. Der digitale Wandel hat auch hier die Rahmenbedingungen der archivischen Arbeit grundlegend verändert. Drei parallele Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Bundesarchiv sich entschieden hat, künftig sowohl die Nutzungs- als auch die Sicherungskopien in digitaler Form zu bewahren und auf Mikrofilm bzw. analoge Filmausbelichtungen grundsätzlich zu verzichten. Aber ein „grundsätzlicher Verzicht“ schließt die Möglichkeit einer späteren analogen Ausbelichtung keineswegs aus; der im Stadium des Digitalisats unterbrochene Prozess wird „einfach“ fortgesetzt.

Stärker als im Bereich etwa der behördlichen Informationsaufzeichnung, die sich nur sehr zögerlich von der analogen und papierbasierten Schriftlichkeit trennt, sind sowohl die Produktion von Filmen als auch deren Präsentation mittlerweile fast vollständig auf die digitale Technik eingeschwenkt. Das gilt sowohl für die Bildaufzeichnung und -bearbeitung als auch für die Bildspeicherung und schließlich für die Präsentation von Filmen. In der Konsequenz dessen verschwindet zusehends nicht nur der analoge Film als Aufzeichnungsmedium, sondern auch die zu seiner Aufnahme, Bearbeitung und Vorführung notwendige Technologie.

Die Entstehung und immer stärkere Ausbreitung genuin digitaler Filme und anderer Aufzeichnungsformen stellt den Gedächtnisinstitutionen und damit auch dem Bundesarchiv die Aufgabe, „digitale Archive“ aufzubauen. Dieser Herausforderungen müssen sich die Archive, Bibliotheken, Museen usw. stellen ungeachtet der unzweifelhaft damit verbundenen Schwierigkeiten und Risiken. Eine wirkliche Alternative gibt es nicht, und übermäßiges Zögern birgt das Risiko nicht kalkulierbarer Überlieferungsverluste. Faktisch wird die Lösung des Problems darin bestehen, dass die verschiedenen Institutionen für sich oder in Verbünden mehrfach redundante Platten-Band-Speichersysteme aufbauen und fortentwickeln. Der hier jeweils obligatorische Hinweis auf die damit verbundenen Kosten ist richtig und sinnvoll. In diesem Zusammenhang darf jedoch nicht vergessen werden, dass es auch bei der analogen Sicherung keineswegs mit der Erstellung von Sicherungsfilmen getan ist, da diese – wie die Erfahrung zeigt – ebenfalls unter Anfall nicht geringer Kosten gelagert und regelmäßig auf ihren konservatorischen Zustand hin überprüft werden müssen.

Eine hybride Lösung, die beide Ansätze miteinander verbindet, wäre sicherlich wünschenswert; ich halte sie allerdings weder unter haushalterischen noch unter technologischen Aspekten für realistisch und nachhaltig.

Hinzu kommt schließlich ein fundamentaler kultureller Wandel, in dessen Kontext sich wesentliche Bereiche der Kommunikation sowie der Speicherung und des Transfers von Information und Wissen auf das Internet verlagert haben. Nicht nur die Generation der „digital natives“ sucht mittlerweile Information und auch kulturellen Inhalt zunächst im Internet und ist – so schmerzlich es ist, das festzustellen – zunehmend bereit, auf traditionelle Wissensspeicher zu verzichten bzw. diese gar nicht erst in die Recherche einzubeziehen. Auch meine Generation der „digital immigrants“ hat nicht nur die neuen Anforderungen, sondern auch die Chancen des Internets erkannt. Die Immigranten beginnen sich in die digitale Gesellschaft zu integrieren.

Die Gedächtnisinstitutionen tun schon heute gut daran, das Internet als Informationsplattform zu nutzen, auf der sie Metadaten, in immer größerem Maßstab aber auch digitale Nutzungsformen ihres Archiv-, Bibliotheks- oder Museumsguts zur Verfügung stellen. Als aktuelles und prominentes Beispiel möchte ich die neuen Internetangebote des Museums für Naturkunde Berlin in Zusammenarbeit mit Google Culture anführen. Die Forderung nach einer weitgehenden Online-Präsentation von Archivgut ist nach meiner Überzeugung nicht nur ein modischer Trend, sie ist vielmehr sehr wohl begründet und zwingt nicht nur die Archivare, sich mit der Frage nach dem „Archivgut im Zeitalter seiner digitalen Verfügbarkeit“ auseinander zu setzen. Auch und gerade im Fall des Films erwarten die Nutzer der Archive die Bereitstellung von elektronischen Nutzungsformen.

Entscheidend für den Übergang zur digitalen Sicherung des filmischen Archivguts ist am Ende aber eine Überlegung, die unter Punkt 1 bereits angedeutet wurde. Schon heute erfolgt die Kopierung von Filmen nicht auf analog-optischem Wege, sondern digital. Filme werden digital gescannt und bearbeitet, bevor sie wieder auf Film ausbelichtet werden; im eigentlichen Sinne des Wortes handelt es sich also um Digitalisate von genuin analogen Filmen. Die Archivierung genuin digitaler Unterlagen und die Digitalisierung genuin analoger Unterlagen zur Sicherung und Präsentation stellen also zwei Seiten derselben Medaille dar. Wenn die technischen Randbedingungen gegeben sind und vor allem die notwendigen Speicherkapazitäten bereitstehen und die Option der späteren Ausbelichtung erhalten bleibt, spricht aus meiner Sicht nichts mehr dagegen, künftig auf den letzten Schritt der Ausbelichtung – durch das Bundesarchiv und im Bundesarchiv – zu verzichten.

 

Das nationale Filmerbe

Bewusst ausgespart habe ich bislang die Frage, welche Filme das Bundesarchiv konkret in seine Bestände übernimmt. Auf diesen Punkt möchte ich nun im Zusammenhang der Frage nach dem „nationalen Filmerbe“ zurückkommen.

Der Begriff „Erbe“ und damit auch der Begriff des „kulturellen Erbes“ ist mehrdeutig und vielschichtig, wie Stefan Willer, Sigrid Weigel und Bernhard Jussen in ihrem 2013 erschienenen Suhrkamp-Band „Erbe“ darlegen (1). Es verwundert daher nicht, dass Markus Tauschek in seiner ebenfalls 2013 veröffentlichten Einführung keine Definition des „kulturellen Erbes“ bietet, sondern lediglich „Definitionsansätze“, die er wie folgt zusammenfasst:

„Kulturelles Erbe […] ist ein weitgreifendes Konzept, das inzwischen viele Bereiche unseres Alltagslebens tangieret. Kulturerbe stützt sich auf und generiert gleichzeitig Wertigkeiten. Das Konzept des kulturellen Erbes bewertet und hierarchisiert materielle Kulturgüter ebenso wie immaterielle Kultur und bedient sich dabei wissenschaftlicher Expertise“. (2)

Ich will mir nun alle Spekulationen darüber versagen, wer im Falle des „nationalen Filmerbes“ der Erblasser ist, worin das Erbe materiell besteht, wer die Erben sind und ob sie das Erbe annehmen – so reizvoll und geistreich das auch sein könnte.

Nicht ohne Grund bezeichnen sich die Archive, Bibliotheken und Museen als

Gedächtnisinstitutionen und nicht als Nachlassverwalter. Jede dieser Institutionen arbeitet auf der Grundlage eines konkreten Auftrags und damit einer bestimmten eigenen Rationalität. Es macht daher aus meiner Sicht keinen Sinn, top-down und abstrakt über „Filmerbe“ oder „nationales Filmerbe“ nachzudenken. Operationalisierbar wird dieses Konzept erst, wenn wir bottom-up von den einzelnen Institutionen ausgehen. Jede Institution und selbst jede Archivarin, jeder Bibliothekar oder jede Kuratorin hat eine eigene Antwort auf die Frage, welche von den auf uns übergegangenen Kulturgütern auch tatsächlich einen solchen bleibenden Wert besitzen, dass sie auf unbestimmte Zeit und mit nicht unbeträchtlichem Aufwand erhalten und zugänglich gemacht werden sollen. Auf den letzten Punkt der Zugänglichkeit möchte ich dabei besonderen Wert legen. Auch für Archivgut, Bücher und museale Objekte gilt meines Erachtens die Feststellung Bourdieus, dass ein Kunstwerk nur in dem Maße existiere, in dem es wahrgenommen wird (3). Reines Aufbewahren ohne zumindest die Möglichkeit der Präsentation und damit der Wahrnehmung ist sinnlos – so wie ein Gedächtnis nur dann eine Funktion hat, wenn die darin enthaltenen Informationen und Bilder abgerufen werden können.

Es liegt in der Konsequenz meiner getroffenen Annahme, dass ich eigentlich nur für das Bundesarchiv eine Aussage darüber treffen kann, welche Filme Archivgut des Bundes sind.

Die Filmbestände des Bundesarchivs gliedern sich im Wesentlichen in vier Gruppen:

Zunächst sind da die Filme, die als Unterlagen bei den im Archivgesetz bezeichneten Stellen des Bundes entstanden sind und für die Aufgabenwahrnehmung der betreffenden Stellen nicht mehr benötigt werden. Dabei handelt es sich um Eigenproduktionen oder im Auftrag der Bundesverwaltung produzierte Filme. Diese Filme werden einer archivischen Bewertung unterzogen, die den bleibenden Wert dieser Filme im Sinne des § 3 des Bundesarchivgesetzes feststellt.

Die zweite Gruppe bilden Filme, die aus dem Besitz des Deutschen Reiches oder der DDR auf den Bund übergegangen sind. Zu nennen sind hier etwa Wochenschauen, Propagandafilme, aber auch Dokumentar- und Spielfilme aus dem früheren Reichsfilmarchiv und dem Staatlichen Filmarchiv der DDR. Eine archivische Bewertung findet hier nur in besonderen Ausnahmefällen statt.

Über die Filmförderung des Bundes gelangt eine weitere Gruppe von Filmen in das Bundesarchiv. § 21 des Filmfördergesetzes bestimmt, dass alle Hersteller eines nach den Vorschriften dieses FFG geförderten Films verpflichtet sind, der Bundesrepublik Deutschland und damit dem Bundesarchiv eine technisch einwandfreie Kopie des Films in einem archivfähigen Format unentgeltlich zu übereignen haben. Diese Kopien werden vom Bundesarchiv für Zwecke der Filmförderung im Sinne dieses Gesetzes verwahrt und können für die filmkundliche Auswertung zur Verfügung gestellt werden. Auch die Filme dieser Gruppe werden grundsätzlich als archivwürdig gelten können.

Schließlich sammelt das Bundesarchiv – und Begriff des Sammelns ist hier abzugrenzen von den auf gesetzlicher Grundlage angebotenen und übernommenen Filmen – Filme, die ihm auf der Basis privatrechtlicher Verträge überlassen werden. Diese Verträge geben dem Bundesarchiv in der Regel auch das Recht, nicht-archivwürdige Filme zu vernichten bzw. auf dessen Wunsch dem Vertragspartner zurückzugeben. Reine Depositalverträge, wie das Bundesarchiv sie lange abgeschlossen hat, kommen bereits seit einiger Zeit nicht mehr zur Anwendung.

In der Diskussion ist schon seit Jahren eine fünfte Gruppe im Sinne einer allgemeinen Depotpflicht für in Deutschland produzierte Filme analog der Depotpflicht für Bücher und Druckschriften. Ob eine solche Depotpflicht und damit die Begründung eines nationalen Filmarchivs durchsetzbar ist, hängt vom politischen Willen und der Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Institution ab.

Alle diese Filme sind Archivgut des Bundes. Damit sind sie unveräußerlich und dauerhaft zu erhaltendes Kulturgut. Vor allem aber sind sie nach den Bestimmungen des Bundesarchivgesetzes und unter Beachtung einschlägiger Regelungen des Urheber- und Verwertungsrechts allgemein zugänglich zu machen. Es stellt sich freilich die Frage, ob alle diese Filme gleich auch zum „nationalen Filmerbe“ gehören, nur weil sie Archivgut des Bundes sind?

In vergleichbarer Weise besitzen alle Institutionen, die Film archivieren, für ihre Bestände ein sich mehr oder weniger direkt aus dem Zweck der Institution ergebendes Sammlungsprofil. Und da diese vielen Archive, Bibliotheken, Cinematheken und Museen nicht systematisch organisiert sind, ergeben sich zwangsläufig vielfältige Überschneidungen der Sammlungs- und Dokumentationsprofile.

Bitte versuchen Sie sich das bildlich vorzustellen, indem sie für jede der genannten Institutionen einen Kreis zeichnen, der die von dieser Institution verwahrten Filme umfasst. Wenn sie beispielsweise mit dem Bundesarchiv anfangen und dann nach und nach die Kreise anderer Institutionen hinzufügen, ergibt sich ein Bild vielfältiger und komplexer Überlappungen, das einer Rosette einer gotischen Kathedrale vergleichbar ist.

Komme ich nun auf meine Frage zurück, ob alle archivierten Filme gleich auch Teil des

„nationalen Filmerbes“ sind, bedeutet das für unser Bild, dass entweder der Außenrand der

Rosette die „Grenze“ des „nationalen Filmerbes“ bezeichnet – in der Sprache der Mengenlehre meint das die Vereinigungsmenge aller Teile – oder aber eine andere Begrenzungslinie bezogen werden muss, die nach der Formulierung Tauscheks eine neue Wertigkeit generiert.

Ein integraler Ansatz, der alle archivierten Filme dem „nationalen Filmerbe“ zurechnet, schließt zwar nichts und niemanden aus und ist auf den ersten Blick ebenso idealistisch wie irenisch. Ich glaube aber, dass er nicht operationalisierbar in dem Sinne ist, dass eine die Institutionen übergreifende Strategie mit diesem Ansatz arbeiten könnte. Es geht also darum, eine Auswahl zu treffen. Die Frage ist aber, durch wen und nach welchen Kriterien. Damit wird das Konzept des „nationalen Filmerbes“ zu einer noch unbestimmten Arbeitshypothese, die einen Diskurs über Wertigkeiten und Prioritäten begründet, der sich – und hier zitiere ich erneut Tauschek – wissenschaftlicher Expertise bedient.

Höchste Zeit ist es nach meiner Auffassung, diese Arbeitshypothese konkret zu fassen.

Vorrangig sind dabei die Kriterien zu bestimmen, nach denen ein Film dem „nationalen Filmerbe“ zugerechnet werden soll. Hierzu wird es eines Katalogs von formalen und inhaltlichen Argumenten bedürfen, der auch die Frage des „national“ beantwortet, indem festgestellt wird, ob es sich um Filme deutscher Produzenten und/oder Filme im Besitz deutscher Institutionen und/oder solche Filme handeln soll, die in Deutschland gezeigt wurden und Einfluss auf die deutsche Gesellschaft hatten.

Die Definition des Katalogs sollte in die Verantwortung der filmbewahrenden Institutionen gestellt werden, die sich für diese Aufgabe selbstverständlich der Expertise der Filmwissenschaft versichern sollten. Da ein „Film-Parlament“ nicht zielführend wäre, das alle beteiligten Institutionen und Personen gleichermaßen berücksichtigt, sollte die Aufgabe dem Kinematheksverbund übertragen werden, der sich freilich zu verpflichten hätte, den Kriterienkatalog umfassend anzugehen und einer öffentlichen Diskussion auszusetzen.

Im Ergebnis sollte – ich möchte betonen: möglichst rasch – eine Prioritätenliste entstehen, nach der die Filme digitalisiert und so gleichermaßen gesichert und für die möglichst allgemeine und niedrigschwellige Nutzung zugänglich gemacht werden. Diese Liste darf anschließend nicht in Bronze gegossen sein, sondern muss regelmäßig überprüft und aktualisiert werden.

Dabei ist zu betonen, dass es nicht darum geht, die filmischen Originale körperlich in einer Art

„Nationalkinemathek“ zusammenzuführen, sondern „lediglich“ hochwertige digitale Kopien. Ebenso deutlich ist aber zu betonen, dass nur solche Filme dem Filmerbe angehören und im Rahmen eines entsprechenden Programms digital gesichert werden können, die anschließend auch der allgemeinen Nutzung zur Verfügung stehen. Es kann nicht darum gehen, Filme in Privatbesitz zu sichern, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden. In der Konsequenz dessen ist es von großer Bedeutung, dass die Digitalisate nicht nur den Besitzern der originalen Filme übergeben, sondern auch in einer Kopie an zentraler Stelle gespeichert werden.

 

Lassen Sie mich nun am Schluss zu dem „und“ im Titel meines Vortrags kommen.

Was könnte oder sollte die Rolle des Bundesarchivs bei der Sicherung des „nationalen Filmerbes“ sein? Das Bundesarchiv wird in der nächsten Zeit unter dem Aspekt einer nachhaltigen Ressourcennutzung gut beraten sein, sein filmarchivisches Profil zu schärfen und seine Aufgaben unter Beachtung der funktionalen Schnittstellen zu seinen Partnern insbesondere im Bereich des Kinematheksverbunds einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen. Dabei steht seine Funktion als Staatsarchiv der Bundesrepublik Deutschland und die damit verbundenen Aufgaben in den Bereichen der Übernahme und Sicherung amtlicher Filme und solcher Filme, die dem Bund auf gesetzlicher Grundlage zuwachsen, nicht zur Disposition. Aber schon bei der Sammlung von Filmen nicht-staatlicher Provenienz stellt sich die Frage nach einer weitgehenden Rücknahme zugunsten anderer filmarchivischer Einrichtungen – selbst wenn die Filme nachher aufgrund bestehender bilateraler Vereinbarungen im Bundesarchiv eingelagert werden sollten. Auch bei der Sammlung filmbegleitender Materialien ist eine weitgehende Zurückhaltung des Bundesarchivs etwa zugunsten der Stiftung Deutsche Kinemathek denkbar. Im Bereich der vorarchivischen filmographischen Erfassung der deutschen Filmproduktion sollte und wird das Bundesarchiv stärker mit dem Deutschen Filminstitut zusammenarbeiten. Insgesamt plädiere ich für eine mit einer stärkeren internen Arbeitsteilung verbundenen Neukonzeption des Kinematheksverbunds – das Gebot der Stunde ist aus meiner Sicht auch hier „Überlieferungsbildung im Verbund“.

Bei der „Sicherung des nationalen Filmerbes“ – verstanden als Projekt zur digitalen Sicherung und Zugänglichmachung der zentralen Werke des deutschen Filmschaffens – kommt dem Bundesarchiv nach meinem Dafürhalten insbesondere bei der technischen Umsetzung eine zentrale Rolle zu. Das gilt für die Definition der technischen Parameter ebenso wie für die praktische Durchführung der Digitalisierung sei es im eigenen Haus, sei es durch externe Dienstleister. Und schließlich sollte das Bundesarchiv bei der Langzeitsicherung und dauerhaften Bereitstellung über ein gemeinsames Filmerbe-Portal die technische Verantwortung übernehmen.

Aber über alle diese Punkte wird in näherer Zukunft im Kreis des Kinematheksverbunds konkret zu sprechen und eine gemeinsame Entscheidung zu treffen sein. Von Bedeutung ist im Moment aber vor allem, dass das Projekt einer „digitalen Nationalkinemathek“ ohne weitere Verzüge in Angriff genommen werden kann. Dem deutschen Filmerbe droht schwerer, irreversibler Schaden, wenn die in Aussicht genommene „Sicherung des nationalen Filmerbes“ nicht bald in die Phase konkreter Planung eintritt. Dazu bedarf es möglichst bald einer Einigung auf politischer Ebene über die auskömmliche Projektfinanzierung und anschließend eines klaren Auftrags an die hier in diesem Raum zusammengekommenen Institutionen.

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Der immer rascher fortschreitende digitale Wandel zwingt auch die Archive, Bibliotheken, Museen und sonstigen Gedächtnisinstitutionen zu einer grundlegenden Überprüfung ihrer Arbeitsweisen sowohl im Bereich der Sammlung und der Erhaltung von Kulturgut als auch und vor allem bei der Bereitstellung dieses Kulturguts für dessen Nutzung durch Wissenschaft, Bildung und Lehre und die Öffentlichkeit ganz allgemein. In Bezug auf die Sicherung des nationalen Filmerbes werden die verschiedenen, bei dieser gewaltigen Aufgabe kooperierenden Institutionen ihr jeweiliges Profil schärfen und die Zusammenarbeit durch eine weiterentwickelte Arbeitsteiligkeit effektiver und effizienter gestalten müssen. Für das Bundesarchiv bedeutet dies die Konzentration auf seine Kernaufgaben: die Übernahme und Erschließung der in seinem archivischen Zuständigkeitsbereich entstandenen Filme, die konservatorische Sicherung der in seiner Obhut befindlichen originalen Filmmaterialien und deren Digitalisierung zu dem doppelten Zweck der langfristigen Sicherung und der zeitgemäßen Bereitstellung für die Nutzung.

 

(1) Erbe. Übertragungskonzepte zwischen Natur und Kultur. Hrsg. von Stefan Willer, Sigrid Weigel und Bernhard Jussen. Berlin 2013 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Bd. 2052).

(2) „Kulturelles Erbe, so ließe sich aus den bisherigen Überlegungen subsumieren, ist ein weitgreifendes Konzept, das inzwischen viele Bereiche unseres Alltagslebens tangieret. Kulturerbe stützt sich auf und generiert gleichzeitig Wertigkeiten. Das Konzept des kulturellen Erbes bewertet und hierarchisiert materielle Kulturgüter ebenso wie immaterielle Kultur und bedient sich dabei wissenschaftlicher Expertise“. Siehe Markus Tauschek: Kulturerbe. Eine Einführung Berlin 2013, S. 26-29, Zitat auf S. 29.

(3) Vgl. Pierre Bourdieu, Kunst und Kultur. Kunst und künstlerisches Feld. Schriften zur Kultursoziologie. Hrsg. von Franz Schultheis und Stephan Egger (Pierre Bourdieu, Schriften, Bd. 12.2), Konstanz 2011, S. 70.

 

 

Wir danken Michael Hollmann für die Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Vortragsmanuskriptes.