„Bewegte Spuren“: Symposium ums regionale Filmerbe an der Hochschule Hannover (DA)

Organisiert vom Filminstitut Hannover (bis 2016 Kulturarchiv), fand am 11./12. Mai 2017 an der Hochschule Hannover ein Symposium statt, das unter der Überschrift „Bewegte Spuren“ stand und „Historische Filmdokumente in Wissenschaft und Medienpraxis“ behandelte. Inhaltlich deckte die Tagung ein weites Spektrum ab, das von Quellenwert und erinnerungspolitischer Bedeutung über urheberrechtliche und geschichtsdidaktische Fragen bis hin zu den Bedürfnissen der Zeitgeschichtsbranche reichte. Möglicherweise wäre ein engerer Fokus wünschenswert gewesen; doch trat während der Diskussionsrunden deutlich zu Tage, dass die Anliegen und Besorgnisse der Teilnehmer beträchtliche Schnittmengen aufwiesen. Im Mittelpunkt standen daher, wie auf den meisten der zurückliegenden Tagungen, auch in Hannover die Fragen nach zeitgemäßer Vermittlung und dauerhafter Bewahrung historischer Filmdokumente.

Von links nach rechts: Anna Leippe, Prof. Wilfried Köpke, Dr. Peter Stettner, Dr. Ralf Springer

In seinem Grußwort hob Prof. Dr. Josef von Helden, Präsident der Hochschule und „von Haus aus Informatiker“, die Bedeutung von Bewegtbildern als wichtiges „Mittel gegen das Vergessen“ in „Wissenschaft und Gesellschaft“ hervor. Prof. Dr. Martin Scholz, Dekan der Fakultät III – Medien, Information und Design, an der das Filminstitut angesiedelt ist, rügte die „Guido-Knoppisierung“ von Geschichte im Fernsehen und stellte unter Berufung auf Odo Marquard die Frage nach „unseren gemeinsamen Wurzeln“. Um eine Epoche beschreibbar zu machen, würden einzelne Werke nicht ausreichen: Hierfür bedürfte es einer vielfältigen Überlieferung. Als geistiger Vater und Chef-Organisator der Tagung begrüßte abschließend der Leiter des Filminstituts Hannover, Dr. Peter Stettner, Publikum und Gäste, bevor Filmproduzent Gunnar Dedio (LOOKS Film & TV GmbH) den Reigen der Vorträge eröffnete. Dedio demonstrierte anhand von Beispielen die tägliche Arbeitspraxis von History-TV-Redaktionen. Als Anschauungsobjekt diente die Produktion „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, die, bei 8 Millionen Euro Produktionskosten, von 50 Millionen Zuschauern weltweit gesehen worden sei. Dedio hob die Bedeutung der Einschaltquote hervor, die Voraussetzung dafür sei, „weiter Geschichte erzählen zu können“. Anhand einer Sequenz, die die Verabschiedung von Frontsoldaten verschiedener Nationalitäten zeigte, wurde die Herkunft der Filmquellen problematisiert, unter denen sich etwa auch ein 1933 (und damit 19 Jahre nach dem Ereignis) entstandener sowjetischer Spielfilm befand. Als „Kriterien für die Auswahl des Archivmaterials“ durch Redakteure nannte Dedio zunächst den Inhalt, zum zweiten die Bildästhetik und zum dritten die Verfügbarkeit („Verfügbarkeit = Zeit plus Geld“): Material, das nicht „einfach genutzt“ werden könne, werde auch nicht genutzt. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender zahlten nicht mehr als 1.-2.000 Euro pro ausgestrahlter Minute. Dies erlaube nur ein begrenztes Budget hinsichtlich der Verwendung von Archivmaterial, das zudem zu sehr unterschiedlichen Konditionen angeboten würde. Während die Transit Film GmbH pro Sekunde geliefertes Archivmaterial 50,00 Euro verlange, berechneten die US-amerikanischen National Archives überhaupt keine Lizenzgebühren, das Material sei dort „public domain“. Der Screenshot einer Timeline im Schnittprogramm Avid demonstrierte anhand der Einfärbung der jeweiligen Klammerteile, wie sich der Kostendruck auf die gestalterische Freiheit der Redakteure auswirkt. Dedio äußerte die Befürchtung, dass aufgrund der einfachen Verfügbarkeit von Material der National Archives eine Amerikanisierung der Bilderwelt stattfände, wo etwa deutsches Material zu teuer sei, und stellte fest: „Das ist nicht unsere Geschichte.“

Vortrag von Gunnar Dedio

Zum Abschluss seines Vortrages plädierte er nachdrücklich für Maßnahmen, die es erleichterten, das audiovisuelle Gedächtnis in Deutschland zu nutzen. Hierzu könne im Einzelnen eine gesetzliche „Public Domain“-Definition beitragen, die mittels drastischer Senkung der Lizenzkosten die Nutzungsbarriere herabsetze, die Nutzung einer „Creative Commons“-Lizenz und die Restrukturierung des Lizenzmodells von ARD und ZDF.

Als zweite Vortragende stellte Babette Heusterberg vom Bundesarchiv-Filmarchiv die zentrale deutsche Gedächtnisinstitution in Zahlen und Fakten vor, bevor sie auf Judaika und mit dem Holocaust zusammenhängende Filmdokumente in den Beständen des Bundesarchivs einging, darunter „Nürnberg und seine Lehre“ (1948), „Nacht und Nebel“ (1956) und verschiedene Amateurfilme der 30er Jahre, die in dieser Hinsicht von besonderer zeitgeschichtlicher Bedeutung seien, wie etwa „Schönes Bielefeld“ (mit Aufnahmen vom Novemberpogrom 1938) oder „Infanterieregiment Großdeutschland im Banat 1941“ (Gottfried Kessel). Zuletzt verwies sie auf das von Hans-Gunther Voigt erstellte „Sachthematische Inventar: Jüdisches Leben und Holocaust 1930-1945 im Filmdokument“ sowie auf weitere Recherchemöglichkeiten und die Filmothek des Bundesarchivs.

Mit den folgenden drei Referaten verlagere sich die Perspektive von der Bundes- auf die Länderebene. Dr. Ralf Springer, Anna Leippe und Dr. Peter Stettner stellten drei regionalgeschichtliche Sammlungen mit Schwerpunkten, Filmbeispielen und editorischen Aktivitäten vor. Mit Dr. Springer unternahm das Publikum einen Streifzug durch den Fundus des in Münster beheimateten LWL – Medienzentrums für Westfalen: In Ausschnitten gezeigt wurden der in den 1920er Jahren entstandene und nur fragmentarisch erhaltene Film „Rote Erde. Eine Wanderung durch Westfalen in fünf Etappen“, der von Hubert Schonger produzierte „Durch das schöne Westfalen“ (1929), der Amateurfilm „Ferien in Berleburg“ (1936, Philipp Wasowicz), das Farbfilmportrait „Münsterland – Heimatland“ der „filmenden Bäckersfrau“ Elisabeth Wilms (1943), der Nachkriegskulturfilm „Grüne Inseln im schwarzen Revier“ (1956, Herbert Theis) und „Bei uns zu Haus in Olpe“ (1957, Deutscher Heimatfilmdienst). Insbesondere am Beispiel des letzteren, der insgesamt zwei Stunden 8-mm-Material umfasst, wurde die Frage nachträglicher Bearbeitung und Kürzungen zum Zweck heimatgeschichtlicher DVD-Editionen diskutiert und vor Augen geführt, dass auch in diesen Bereich kommerzielle Zwänge hineinspielen und die Herausgabe werkgetreuer Editionen erschweren.

In Vertretung von Dr. Reiner Ziegler, Leiter der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg, stellte Anna Leippe die 1998 gegründete und im Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart angesiedelte Landesfilmsammlung vor. Diese Institution verzeichnet über 10.000 Titel, von denen je ein Viertel von Firmen und kommunalen Archiven sowie vierzig Prozent aus Privatbesitz stammen. Leippes Präsentation zufolge datieren immerhin neun Prozent aus der Zeit bis Mitte der 20er Jahre, 31 Prozent aus dem Zeitraum 1926-1945, 30 Prozent aus dem Zeitraum 1946-1965, 20 Prozent aus dem Zeitraum 1966-1985 und die verbleibenden zehn Prozent aus den Jahren seit 1986. Leippe betonte insbesondere die Vermittlungsarbeit ihrer Institution und wies auf das große Interesse hin, das Schülergruppen der historischen Filmtechnik entgegenbrächten.

Wie seine Vorredner brachte auch Peter Stettner Filmausschnitte zur Aufführung, so aus dem ersten und dem letzten der Hannoverschen Wiederaufbau-Filme, die im einstigen Kulturarchiv und jetzigen Filminstitut Hannover vorgehalten werden: „Hannover 1949/50“ und „Alle machen mit“ (1960, beide von Heinz Koberg). Stettner ging jedoch auch auf die Frage der Langzeitsicherung ein, die seine Institution praktiziere: So würden ProRes HQ 422-Daten auf gespiegelten Servern gespeichert und die DPX-Daten auf LTO-Laufwerken archiviert.

Als letzter Redner des Tages hatte der Verfasser dieses Artikels im Vorfeld der abschließenden Diskussionsrunde Gelegenheit, den Quellenwert von Filmdokumenten aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive zu betonen. Mit Blick auf den ethisch oft fragwürdigen Umgang mit zeitgeschichtlichen Bewegtbildern (Beispiel: „Auf der Suche nach Hitlers Volk“, ZDF 2015) und dem Hintergrund der grenzenlosen Manipulierbarkeit von Digitalisaten erscheint der längstmögliche Originalerhalt unbedingt geboten. Hierüber herrschte in der darauffolgenden Diskussionsrunde große Einigkeit – ebenso wie über das „digital dilemma“ und die Flüchtigkeit von Digitalisaten. Dr. Ralf Springer zweifelte an der künftigen Verfügbarkeit von photochemischen Film, äußerte sich aber zuversichtlich, dass dauerhafte digitale Lösungen gefunden würden. Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass es wichtig sei, akut bedrohte Filme jetzt zu retten und sich über die Langzeitsicherung später Gedanken zu machen.

Von links nach rechts: Dr. Dirk Alt, Dr. Ralf Springer, Dr. Peter Stettner, Babette Heusterberg, Anna Leippe

 

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Vortrag Prof. Dr. Fabian Schmieders von der Hochschule Hannover, der sich Fragen des Urheberrechts widmete und, wie an den Nachfragen ersichtlich, auf lebhaftes Interesse stieß. Zunächst korrigierte Schmieder den Titel seines Vortrages dahingehend, dass er das Urheberrecht statt zur „Geißel des historischen Films“ zu dessen „Freund“ erklärte, und damit positive Erwartungen weckte, die seine anschließenden Ausführungen immerhin zum Teil erfüllten. Die Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werke bezeichnete Schmieder als „Königsdisziplin des Urheberrechts“; daher gelte es, die Haftungsrisiken zu kennen. Zunächst sei der Ablauf der Schutzfrist 70 Jahre post mortem auctoris, also nach dem Tod des Urhebers, zu beachten, nach der ein Werk als gemeinfrei gelte. Vor Ablauf dieser Frist müsse die Zustimmung des Urhebers zur gewünschten Nutzung eingeholt werden. Bei vielen historischen Filmdokumenten, insbesondere bei Amateurfilmen, handele es sich allerdings um verwaiste Werke, deren Verbreitung § 61 Urheberrechtsgesetz erlaube, aber nur dann, wenn die Inhalte des Werkes bereits veröffentlicht wurden. Schmieder verwies auch auf die „aktuelle Angleichung des Urheberrechts an die Bedürfnisse der Wissensgesellschaft“ und zeigte den Entwurf des Bundesjustizministeriums zu § 60 Urheberrechtsgesetz vom 12. April 2017, der Bibliotheken, aber damit auch Filmsammlungen, „die keine unmittelbare oder mittelbaren kommerziellen Zwecke“ verfolgen, eine Reproduktionserlaubnis erteilt. Nach Schmieders Auslegung seien jene Institutionen auf der sicheren Seite, die mit einer Kostendeckungs-, nicht jedoch mit einer Gewinnabsicht operierten.

Der anschließende Vortrag von Detlef Endeward (Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung / NLQ Hildesheim) lenkte die Aufmerksamkeit auf den Einsatz von Filmdokumenten in der schulischen Bildungsarbeit. Endeward stellte ein interaktives Bildungspaket für Sekundarstufe I und II vor, das den Film „Asylrecht“ (Rudolf Werner Kipp, 1948) im Kontext von Flucht und Vertreibung behandelt.

Ein ganz anderes Sujet rückte der Vortrag von Prof. Michael Sutor (Hannover) in den Vordergrund, nämlich das Naturfilmschaffen von Heinz Sielmann, das Sutor auf Grundlage des von der Sielmann-Stiftung (Duderstadt) bewahrten Nachlasses erforscht. Sielmanns Schaffen veranschaulichte Sutor am Beispiel des mit Preisen ausgezeichneten abendfüllenden Kulturfilms „Galapagos – Landung in Eden“ (1962), dessen Musik, Montage und Motive Sutor so detailliert analysierte, wie der zeitliche Rahmen dies zuließ.

Bevor ein zweites Diskussions-Panel das Ende des Symposiums einläutete, schilderte Prof. Dr. Ulrike Brenning (Hannover) ihr Verständnis einer „Ästhetik des Vergangenen“ am Beispiel von Peter Schamonis „Majestät brauchen Sonne“ (1999), der den Betrachter „dem Kaiser ganz nahe kommen“ ließe, und anhand von Ausschnitten aus eigenen, für den NDR produzierten Filmen. Die „Ästhetik des Vergangenen“ impliziere „Glaubwürdigkeit“ und löse Sehnsüchte aus, sie wirkten als eine „visuelle Fläche, auf der eigene Erinnerungen verankert“ werden könnten. Ihre auratische Kraft resultiere auch aus ihrer Unzulänglichkeit.

In die Runde der Abschlussdiskussion wurde die bewusst ketzerische Frage geworfen, ob man nicht längst in der Lage sei, Archivfilme durch digital gestützte Re-enactments zu ersetzen und auf diese Weise bessere Bilder zu erhalten. Michael Sutor entgegnete darauf, ein solches Re-enactment hieße, „auf unsere Geschichte zu verzichten. Und ohne Geschichte kann kein Volk leben.“ Detlef Endeward ergänzte, es wäre fahrlässig, historische Filmbilder „digitalen Rekonstrukten“ zum Opfer zu bringen. Peter Stettner betonte die Bedeutung schriftlicher Begleitdokumente, die neben dem filmischen Material unbedingt erhalten werden müssten, um dieses kontextualisieren zu können, und pochte zuletzt auf eine originalgetreue Editionspraxis historischer Filmdokumente.

Abschlussdiskussion mit Prof. Dr. Ulrike Brenning, Detlef Endeward, Dr. Peter Stettner, Prof. Michael Sutor, Prof. Wilfried Köpke

 

So ähnlich die Anliegen der Referenten waren, so groß war auch der Konsens in den Fragen des Originalerhalts, der Sammlungsanstrengungen und der möglichst weitgehend Zugänglichmachung historischer Filmdokumente. Das wichtigste Signal, das von der Tagung ausging, bestand jedoch in der fortschreitenden Vernetzung der regionalen Filmerbe-Einrichtungen, deren Austausch, zumal sie unter vergleichbaren Bedingungen operieren, unbedingt weiter gefördert werden sollte.

 

Die Fotos der Veranstaltung werden Philipp Nordmeyer (Hochschule Hannover) verdankt.