Behalten oder vernichten?

Ein Leserbrief von Helmut Herbst

In einem Positionspapier untersucht der Schweizer Verein Memoriav, wie mit den physischen Datenträgern von audiovisuellen Dokumenten – behalten oder vernichten? – nach erfolgter Digitalisierung zu verfahren ist.

Als Ergebnis einer Expertendiskussion, die auch den internationalen Fachdiskurs einbezieht, kommt Memoriav zu dem Schluss, dass die analogen Originale – also jene Trägermaterialien, die als Ausgangspunkt der Digitalisierung dienten – mindestens so lange aufzubewahren sind, wie ihre Lesbarkeit gewährleistet ist. Das Dokument stellt zudem vier Bedingungen auf, die alle gleichzeitig erfüllt sein müssen, sollte von diesem Grundsatz abgewichen werden.

Das Positionspapier von Memoriav steht somit in scharfer Opposition zur Kassationspraxis des Bundesarchiv-Filmarchivs. Andererseits stützt es die strikte Ablehnung u.a. durch den Kinematheksverbund des Vorschlags der PwC-Gutachter, nach der Digitalisierung „aus Kostengründen […] nur eine sehr selektive analoge Archivierung“ vorzunehmen.

So kommentierte www.filmerbe-in-gefahr.de  am 24. 4. das Gutachten des Vereins Memoriav.

Auf den ersten Blick scheint das wirklich eine gute Nachricht und eine willkommene Unterstützung für unsere Positionen zu sein. Aber man könnte aus dem Gutachten des Memoriav-Vereins auch ein trojanisches Pferd machen, indem man einfach bekanntgibt, dass die genannten 5 einschränkenden Bedingungen erfüllt seien. Sie lauten:

  1. Die digitale Archivierung erfüllt die Anforderungen von OAI S (ISO 14721:2012), so dass Authentizität und Integrität gewährleistet sind (inkl. Dokumentation Archivierungsprozesse etc.).
  2. Die Beschreibung der Originale mit technischen Metadaten und Dokumentation, wenn möglich mit Fotografie (Integrität) ist garantiert.
  3. Die Digitalisate sind bezüglich Qualität, Vollständigkeit und Abspielbarkeit überprüft. Technische Begleitdokumente der Digitalisierung liegen systematisch auswertbar vor.
  4. Die beispielhafte Aufbewahrung von «Museumsobjekten» ist sichergestellt.
  5. Bei Transfers muss garantiert sein, dass sie unter Erhalt der ursprünglichen Parameter erfolgten.

Die Erfüllung dieser Kriterien dürfte, wenn z. B. LTO-Systeme zum Einsatz kommen, nicht einmal besonders schwierig sein. Auch die komplizierten bürokratischen Abläufe, wie sie OASIS (iSO 14721:2012)  u. a. für das Data-Management vorschreibt, sind für ein hoch bürokratisiertes System wie das Bundesarchiv kein allzu großes Hindernis.  Und „die beispielhafte Aufbewahrung von «Museumsobjekten»“ d.h. von Filmen wie „Caligari“ und „Metropolis“ ist, wie allgemein bekannt, sichergestellt. Es wäre also keine große Überraschung, wenn das Bundesarchiv/Film demnächst die Erfüllung dieser Kriterien anzeigt und gleichzeitig seine Digitalisierungskampagne startet.

Betriebswirtschaftlich  gesehen würden sich auf der „ethischen“ Grundlage des Memoriav-Gutachtens und der „organisatorischen“ des PwC-Gutachtens alle akuten technischen und organisatorischen Probleme des Bundesarchivs auf einen Schlag lösen lassen. Nachdem demnächst mehr oder weniger „alles“ in 4 K digitalisiert wäre, könnte man das analoge Ausgangsmaterial bis auf einen musealen Kernbestand „entsorgen“ und dann  – auf einem Bruchteil der bisher benötigten Fläche –  ein garantiert gasfreies, modernes digitales Archiv betreiben.

Die Pläne für die 4 K- Digitalisierungsoffensive sind im Bundesarchiv offenbar bereits weit gediehen. Die entscheidende Frage, die jetzt unbedingt beantwortet werden muss, lautet:  Ist es kulturpolitisch vertretbar,  die marktwirtschaftliche Funktionalität einer Behörde über den Auftrag zu stellen, für den sie geschaffen wurde? Der Auftrag lautet, unser analoges Filmerbe zu sammeln und unter optimalen Bedingungen zu lagern, zu pflegen und zugänglich zu machen? Hollywood-Studios, Filmwissenschaftler, Museen und ausländische Archive bestehen immer noch darauf,  dass  – solange kein archivfester digitaler Datenträger zu Verfügung steht – die optimale Lagerung und Pflege der analogen Bestände oberste Priorität haben muss.

Interessanterweise trifft das Memoriav-Gutachten keine Aussage darüber, ob nun grundsätzlich alles (!) digitalisiert werden soll oder nur eine durch „Priorisierung“ gewonnene Auswahl,  wie sie der Kinematheksverbund fordert. Wie aber wäre dann mit dem großen analogen Restbestand zu verfahren, der in keiner Priorisierungsliste auftaucht?  –  Feuerbestattung?

Auf Seite 8 des Memoriav-Gutachtens findet sich der Hinweis auf eine Arbeitsgruppe um Brecht Declercq (FIAT/IFTA und Vlaams Instituut voor Archivering), die sich ebenfalls mit der Frage „behalten oder vernichten?“ auseinandersetzte. 2015 schrieb Declercq in der AMIA-Liste  (Association of Moving Image Archivists)  „we’re planning to build some kind of decision tree, at the end of which in some very specific cases you might end up with the permission to delete the original carriers.“  Danach wäre eine Vernichtung nur in Sonderfällen zulässig.

Der Berliner Regierende Bürgermeister Müller  fordert eine „zügige Digitalisierung der Defa-Filme.“ Da steht ja auch schon alles, in Reih und Glied durchnummeriert, in Bereitschaft.  Aber was geschieht z.B. mit dem nicht priorisierten vielformatigen Zeug aus dem Westen, einem bunter Haufen von Filmen unangepasster selbsternannter „Filmmacher“, renitent und mit dubiosen Urheberrechten?   –   Feuerbestattung?

Ich bin überzeugt, dass es weder die Angelegenheit der Politik noch der Archivarinnen und Archivare allein sein kann, darüber zu entscheiden, was von unserem Filmerbe behalten und was vernichtet wird. Wie auf der Internetseite kinematheken.info dargelegt, benötigen die Filmwissenschaften und die interessierte Öffentlichkeit einen offenen digitalen Zugang zum gesamten Filmerbe-Bestand  – im Sinne des von der UNESCO geforderten OPEN ACCESS zu mit öffentlichen Mitteln produziertem Wissen. Den kann nur ein visualisierter Gesamtkatalog des Filmerbes gewährleisten. Mit der Hilfe einer neuen Generation von Filmscannern könnte er – zu vertretbaren Kosten auf HD- Niveau – innerhalb nur weniger Jahre erstellt werden. Nur ein offener digitaler Zugang wird es erlauben, die prioritäre, längst überfällige Sichtung und Klassifizierung des deutschen Filmerbe-Bestandes (auch für Master- Digitalisierungen  und Restaurierungen)  auf mehrere Arbeitsgruppen von Fachleuten zu verteilen, die auf bestimmte Epochen und Genres spezialisiert sind.

Birkert, 28.4.2016