Alle reden von der digitalen Revolution – wir nicht! (HH)

Helmut Herbst, Birkert, 12. 09. 2015

Die Zukunft des Films als künstlerische Technik ist zurzeit unter jungen Künstlern und Cineasten, an Kunsthochschulen und auf kleinen Festivals wie den Dresdner Schmalfilmtagen ein immer heißer diskutiertes Thema. Inzwischen gibt es – mit Worm. Filmwerkplaats, Rotterdam, im Zentrum – ein europäisches Netzwerk von Initiativen, die kleine Film- Kopieranstalten oder -Werkstätten betreiben und so freischaffenden Künstlern den Zugang zum analogen Filmemachen offen halten. In Deutschland gehören Labor Berlin und Sector16, Hannover, zu diesem Netzwerk.

Gleichzeitig wächst unter denen, die den Film als künstlerische Technik wiederentdecken, das Interesse an den Kindertagen des Kinos, der großen Zeit der Erfindung der Kinematographie. Filmpioniere, so nennt die Nachwelt jene komischen Käuze, die ihre kurzen Filmchen selbst drehten, entwickelten, kopierten und in Varietés und Jahrmarktszelten einem staunenden Publikum mit klappernden Projektoren vorführten. Jeder, der sich zum ersten Mal mit analoger Filmtechnik auseinandersetzt, wiederholt im Grunde jenen magischen Moment, in dem der Filmpionier als wahrer Alleskönner alle Widerstände der störrischen Technik, der schwer berechenbaren Filmchemie und seiner ebenso unberechenbaren Darsteller überwunden hat und einen noch tropfnassen Filmstreifen in den Händen hält. Die schöne naive Geste der Experimentalfilmer, die sich sozusagen in den Stand der Unschuld zurück versetzen, indem sie behaupten, hier und jetzt das Kino neu zu erfinden, wurzelt im Selbstverständnis der alten Filmpioniere.

Dieses Ringen mit der Materialität des Materials bleibt in jedem analog hergestellten Kunstwerk, sei es eine Kaltnadelradierung, ein Gemälde oder eine Skulptur, mehr oder weniger sichtbar und macht dessen Aura mit aus. Aber es steckt ebenso in der Erzählung und in den Bild- und Toninformationen analoger Filme. Auch wenn das bewegte Bild bei seiner Projektion im Gehirn des Betrachters erst einmal in durch ständigen Medienkonsum fest eingeschliffene Bahnen gelenkt wird, kann es – vielleicht durch einem besonderen Material-Reiz ausgelöst – als Zusammenspiel von Technik und Erzählung lustvoll dekodiert werden. Auf dieses lustvolle Dekodieren zielt der experimentelle „strukturelle“ Film der späten sechziger, siebziger und achtziger Jahre, der das Ringen mit der Technik und dem Material-Widerstand zum filmischen Gegenstand erhob – bis hin zur methodischen Untersuchung bestimmter Phänomene, die im kommerziellen Film als Bildfehler bezeichnet werden. Film als Film! Das hier zitierte Filmexperiment HOCHHAUS (1987) von Thomas Mank gehört in diese Kategorie des strukturellen Films.

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt der analoge Film an den Kunsthochschulen angesichts des ungeheuren Reichtums an optischen Reizen, den die Neuen Medien offerierten, als altmodischer Ballast. Damals, als sich aller Augen auf die schöne neue saubere Welt der Computeranimation richteten, begannen in Südafrika William Kentridge und in Deutschland z. B. Michel Klöfkorn damit, ausgehend vom klassischen analogen Trickfilm, die großen ausfransenden Territorien zu erforschen, die sich zwischen den klassischen analogen Bildwelten und dem neuen digitalen Kontinent aufgetan hatten. Dort sind auch heute noch mancherlei künstlerische Entdeckungen zu machen. Dabei sind alle jene im Vorteil, die über eine Grundkenntnis der „obsoleten“ analogen Filmtechniken verfügen.

Die dramatisch schrumpfende Fabrikation von professionellem Filmmaterial und der Zusammenbruch der kommerziellen Produktion von analogen Filmen scheint die erstaunliche Renaissance des Films als künstlerische Technik fast zwangsläufig zu befeuern. Ein Blick auf die Geschichte der Lithographie, die bis zu ihrem kommerziellen Ende um 1925 für die auflagenstarke Verbreitung von farbigen Bildern das allein herrschende Verfahren war, zeigt, dass auch eine sehr komplexe, kommerziell „obsolete“, Bild- Technik in kleinen Nischen durchaus eine Zeitspanne von 100 Jahren überleben kann. Die Lithographie wurde zum Bildmedium der Künstler des 20. Jahrhunderts.

Für alle diejenigen, die den Film als künstlerische Technik gerade wiederentdecken, Kunsthochschulen und Cineasten, die sich dem digitalen Imperium widersetzen oder wie einzelne Film-Archive und andere „gallische Dörfer“ auf der Archivierung und Wiedergabe von Film als Film bestehen, wird voraussichtlich auf sehr lange Zeit noch ein zwar überschaubares aber ausreichendes Angebot von Film- Material auf haltbarer Polyester- Basis, Chemikalien und kleinen spezialisierten Verarbeitungsbetrieben zur Verfügung stehen.

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