An den Grenzen der Leistungsfähigkeit: Aktuelle Perspektiven der Filmsicherung im Bundesarchiv (DA)

Am 12. März unterrichteten Dr. Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs, und Petra Rauschenbach, Leiterin der Abteilung Film, eine kleine Gruppe von Journalisten und Filmerbe-Aktivisten über die aktuellen Perspektiven der Filmsicherung im Bundesarchiv. Den Anlass hierfür gab die bevorstehende Schließung der analogen Filmkopieranstalt in Hoppegarten, für deren Erhalt sich die medienpolitischen Sprecher der linken, der grünen und der AfD-Bundestagsfraktion erfolglos eingesetzt hatten. Neben kinematheken.info-Redakteur Alexander Zöller und mir waren auch Matthias Dell vom Deutschlandradio und Jeanpaul Goergen von Filmerbe-in-Gefahr der Einladung nach Berlin-Lichterfelde gefolgt.

Dr. Michael Hollmann und Petra Rauschenbach (Foto: Alexander Zöller)

Die Digitalisierung kultureller Artefakte, über die wir verschiedentlich kritisch berichtet haben, konfrontiert die Erinnerungsinstitutionen mit neuen, schwer zu überschauenden Herausforderungen. Der Präsident des Bundesarchivs machte zu Beginn des Gespräches die Größe der seiner Institution gestellten Aufgabe deutlich, wobei er nicht verhehlte, dass es sich bei der digitalen Filmsicherung nur um eine von mehreren, die Leistungsfähigkeit des Bundesarchivs strapazierenden Aufgaben handele. Immer neue Aufgaben wüchsen auf sein Haus zu, etwa die Übernahme der Deutschen Dienststelle (WASt) und der Stasi-Unterlagen. Dadurch liefe man Gefahr, einer „Logik des Misslingens“ zu unterliegen. Das von der BKM initiierte Bund-Länder-Programm zur Filmdigitalisierung (im Folgenden mit den Worten Hollmanns als „10×10-Programm“ bezeichnet) sei für das Archiv eine enorme Herausforderung. Gleiches gelte für die eigenen Digitalisierungsmaßnahmen, die nach Schließung der Kopieranstalt an die Stelle der Analog-Sicherung treten werden. Durch Filmdigitalisierung sei ein Datenaufkommen von jährlich fünf bis sieben Petabyte zu erwarten. Datenmengen in dieser Größenordnung, so Hollmann, seien im archivischen Bereich weder in der Bundesrepublik noch in Europa „bislang gemanagt“ worden. Vor diesem Hintergrund unterstrich Hollmann die „Notwendigkeit, sich von Aufgaben zu entlasten.“

Sodann erhielten die Teilnehmer Informationen über die in der Umsetzung befindlichen Digitalisierungsvorhaben des Bundesarchivs. Die zurückliegenden Projekte zum Ersten Weltkrieg und zur Weimarer Republik habe man als „labormäßige Situationen“ genutzt, um unter anderem die Filmdigitalisierung und den Umgang mit großen Datenmengen zu erproben sowie digitalisierte Materialien „so niedrigschwellig wie irgend möglich“ bereitzustellen. Im Rahmen des „10×10-Programmes“ werde das Bundesarchiv zwar 500.000 Euro pro Jahr zur Digitalisierung von unter konservatorischen Gesichtspunkten ausgewählten Filmen erhalten; diese Digitalisierungen sollen bei externen Dienstleistern vorgenommen werden. Unabhängig davon setze das Bundesarchiv aber auf den Aufbau eigener Server und eigener Scanner. So würden zunächst zwei Scanner beschafft, von denen einer in der Lage sei, Filme quasi in Echtzeit digitalisieren, während der andere für die Digitalisierung fragiler Materialien herangezogen werde. Die Kosten pro Scanner einschließlich Speichersoftware beliefen sich auf etwa eine Million Euro. Die Server werden von der Firma Oracle bezogen, wobei die Zusammenarbeit bereits gezeigt hat, dass sich die Ansprüche eines Archivs von denen anderer IT-Kunden wesentlich unterscheiden.

Michael Hollmann über die Filmdigitalisierung im Bundesarchiv und die Langzeitspeicherung der Digitalisiate

Das hohe Datenvolumen, mit dem das Bundesarchiv in Zukunft umgehen muss, speist sich auch aus der Übernahme digitaler Belegstücke aus dem „10×10-Programm“. Auf Grundlage der Richtlinien der Filmförderungsanstalt (FFA) sei das Bundesarchiv zur Speicherung dieser Digitalisate verpflichtet, wobei man archiv-seitig darauf hofft, diese zu filmkundlichen Zwecken nutzen zu können.

Da wird kontinuierlich eben ein Fluss von Daten auf uns zukommen“, stellte Michael Hollmann in Aussicht. „Der, den wir selbst kontrollieren und regulieren können, ist das geringere Problem (…), aber was nachher über dieses ‚10×10-Projekt‘ entsteht und was daneben und danach für weitere Initiativen kommen, das ist für uns völlig unwägbar.“ Über die derzeitigen Engpässe der Digitalisierungskapazitäten in Deutschland stellte er fest: „Faktisch sieht es so aus, dass nicht die Dienstleister darum konkurrieren, wer einen Film digitalisieren darf, sondern die Institutionen konkurrieren um die Arbeitskapazität der Dienstleister – was ich für ein Riesenproblem halte.“ Dass die im Rahmen des „10×10-Programms“ getroffene Auswahl zu digitalisierender Titel nicht unbedingt einer archivfachlichen Perspektive entspricht, machte Hollmann ebenfalls deutlich, als er sagte: „Der starke Überhang oder das starke Übergewicht kommerzieller Aspekte widerspricht ja eigentlich der Idee, Filmerbe zu sichern.“

Hinsichtlich der Kosten für die Langzeitspeicherung konnten keine verlässlichen Zahlen genannt werden. Perspektivisch solle es zwei redundante Plattenspeicher an den Standorten Berlin und Koblenz geben. Hollmann betonte die Notwendigkeit, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Digitalisate „in 50 oder in 100 Jahren“ noch anschaubar wären, und schilderte in diesem Zusammenhang die Schwierigkeiten, Politik und Öffentlichkeit für die Erfordernisse und Kosten digitaler Langzeitspeicherung zu sensibilisieren.

Michael Hollmann im Gespräch mit Dirk Alt über die Schwierigkeit, der Öffentlichkeit die Erfordernisse der digitalen Langzeitspeicherung zu kommunizieren

Abschließend führte Hollmann in deutlichen Worten aus, wie stark das Bundesarchiv im Speziellen, aber auch die Erinnerungsinstitutionen im Allgemeinen durch die Umwälzungen des Digitalen einerseits und die Ansprüche von Politik und Öffentlichkeit andererseits an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit – und darüber hinaus – getrieben werden. Das „Ultra posse nemo obligatur“ gelte nicht länger: „Wenn Nofretete niest, schneuzt sich Berlin. Aber beim Bundesarchiv müsste schon ein Magazin abbrennen, bevor das hier wirklich jemanden in Wallung bringen würde, und selbst dann würde es als Versagen des Bundesarchivs, als Organversagen, hingestellt.

Michael Hollmanns Aussagen zur Überforderung der Archive

Im Anschluss an das Gespräch, das den Teilnehmern reichlich Gelegenheit zu Nachfragen gab, führte Petra Rauschenbach durch den noch nicht fertiggestellten Benutzungsbereich des derzeit im Umbau befindlichen Dienstgebäudes und erlaubte einen Einblick in die Magazine. Diese kurze Führung bestätigte die Ausführungen des Präsidenten in eindrucksvoller Weise: Denn die Räumlichkeiten, die wir besichtigten, hätten eigentlich bereits 2009 für die Benutzung freigegeben werden sollen. Stattdessen ist, so Dr. Tobias Herrmann, Leiter der Pressestelle des Bundesarchivs, nach derzeitigem Stand nicht vor 2021 mit der Fertigstellung zu rechnen.

Dirk Alt mit Petra Rauschenbach (Foto: Alexander Zöller)

Resümierend können nun zwei Feststellungen getroffen werden:

1. ist das Bundesarchiv mit diesem Gesprächstermin dem oft erhobenen Vorwurf mangelnder Transparenz entgegengetreten und hat die am Filmerbe interessierte (Fach-)Öffentlichkeit in einer Weise einbezogen, die wir uneingeschränkt zu würdigen wissen. Zugleich wurde anhand des kleinen Personenkreises deutlich, dass das öffentliche und mediale Interesse beklagenswert gering ist.

2. ist die offenkundige Überforderung des Bundesarchivs durch die Politik ein Skandalon, das – über die Fragen des Filmerbes hinaus – einer öffentlichen Debatte bedarf. Wir hoffen, mit unserer Berichterstattung jetzt und in Zukunft einen Teil dazu beizutragen, dass diese überfällige Debatte doch noch geführt wird.